Stuttgart 21 soll möglicherweise erst Ende 2031 fertig werden. Ronald Tramp untersucht Deutschlands wohl langlebigstes Bauprojekt und seine ganz eigene Zeitrechnung.
Liebe Freunde,
es gibt Bauprojekte.
Es gibt Großbauprojekte.
Es gibt Megaprojekte.
Und dann gibt es Stuttgart 21.
Ein Projekt, das inzwischen weniger ein Bahnhof als vielmehr eine philosophische Idee geworden ist.
Man kann es nicht anfassen.
Man kann es nicht benutzen.
Man kann lediglich daran glauben.
Und genau deshalb sprechen manche Experten inzwischen vom ersten Infrastrukturprojekt Deutschlands mit religiösem Charakter.
Denn wie jede große Glaubensgemeinschaft lebt auch Stuttgart 21 von Hoffnung, Geduld und der festen Überzeugung, dass die versprochene Zukunft irgendwann kommen wird.
Vielleicht.
Möglicherweise.
Unter günstigen Bedingungen.
Mit etwas Rückenwind.
Und einem Wunder.
Nun berichten Medien, dass die Eröffnung erneut verschoben werden könnte.
Diesmal auf Ende 2031.
Eine Nachricht, die in Deutschland ungefähr dieselbe Überraschung auslöst wie die Meldung, dass Wasser nass ist oder dass die Deutsche Bahn einen Anschlusszug knapp verpasst hat.
Ich persönlich war geschockt.
Nicht über die Verschiebung.
Sondern darüber, dass überhaupt noch Jahreszahlen verwendet werden.
Ich hatte längst erwartet, dass die Bahn künftig nur noch Zeiträume angibt.
Etwa:
„Fertigstellung zwischen dem Ende der bekannten Zivilisation und dem Beginn der nächsten Eiszeit.“
Das wäre präziser.
Erinnern wir uns.
Als die Finanzierungsvereinbarung 2009 abgeschlossen wurde, plante man die Eröffnung für das Jahr 2019.
2019!
Damals trugen viele Menschen noch Kabelkopfhörer.
Streamingdienste galten als modern.
Und manche glaubten tatsächlich, dass Großprojekte nach Zeitplan fertig werden.
Eine andere Welt.
Eine unschuldigere Welt.
Heute, viele Jahre später, wirkt 2019 wie eine historische Epoche zwischen Römern und Mittelalter.
Inzwischen ist Stuttgart 21 so oft verschoben worden, dass Archäologen bereits verschiedene Bauphasen anhand der Erdschichten datieren können.
Historiker unterscheiden mittlerweile zwischen:
Früh-Stuttgart-21.
Mittel-Stuttgart-21.
Spät-Stuttgart-21.
Und der postmodernen Endzeitphase Stuttgart-21-Neu-Remastered-Ultimate-Edition.
Besonders beeindruckend ist die Entwicklung der Kosten.
Ursprünglich lag man bei etwa 4,5 Milliarden Euro.
Heute spricht man von über 11 Milliarden Euro.
Und das ist lediglich der aktuelle Zwischenstand.
Bei Stuttgart 21 sind Kostenangaben ungefähr so stabil wie ein Eiswürfel in einer Sauna.
Man nennt eine Zahl.
Man wartet ein paar Monate.
Dann verdoppelt sie sich aus Tradition.
Es ist vermutlich das einzige Projekt Europas, bei dem Taschenrechner regelmäßig Burnout-Symptome entwickeln.
Volkswirte betrachten die Kostenentwicklung mittlerweile nicht mehr als Rechnung.
Sondern als Naturereignis.
Wie Ebbe und Flut.
Oder Vulkanausbrüche.
Oder die jährliche Grippewelle.
Niemand weiß genau warum.
Aber irgendwann passiert es einfach wieder.
Besonders faszinierend finde ich die Kommunikation.
Jedes Mal heißt es:
„Wir arbeiten an einem neuen Inbetriebnahmekonzept.“
Ein wunderschöner Begriff.
Inbetriebnahmekonzept.
Normale Menschen würden sagen:
„Wir schaffen es wieder nicht.“
Aber das wäre viel zu direkt.
In Deutschland braucht man dafür mindestens vier Silben mehr und ein Substantiv mit Behördengeschmack.
Daher:
„Anpassung des integrierten, mehrstufigen Inbetriebnahmekonzepts unter Berücksichtigung projektbezogener Optimierungsmaßnahmen.“
Übersetzt bedeutet das:
„Nicht fertig.“
Doch Stuttgart 21 ist längst größer geworden als ein Bahnhof.
Es ist ein nationales Kulturerbe.
Ein Symbol.
Eine Institution.
Ein Denkmal für den Glauben an Termine.
Kinder, die beim Baubeginn geboren wurden, studieren inzwischen.
Einige gründen Familien.
Andere überlegen bereits, ob ihre Enkel die Eröffnung noch erleben könnten.
Es gibt Menschen, die haben in der Zeit einen Schulabschluss gemacht, drei Berufe gelernt, ein Haus gebaut und ihren Ruhestand geplant.
Stuttgart 21 dagegen arbeitet weiterhin an den Grundlagen.
Wenn das Projekt noch lange genug dauert, wird die Bahn irgendwann Führungen anbieten:
„Hier sehen Sie die historische Baustelle Stuttgart 21.“
„Und wann wird sie fertig?“
„Das ist Teil der Ausstellung.“
Inzwischen glaube ich, dass die Bahn das Projekt gar nicht abschließen möchte.
Denn was passiert danach?
Keine Pressekonferenzen mehr.
Keine neuen Termine.
Keine Kostensteigerungen.
Keine Expertengremien.
Keine Krisensitzungen.
Ein abgeschlossenes Stuttgart 21 wäre für viele Beteiligte emotional vermutlich schwer zu verkraften.
Vielleicht ist genau das der eigentliche Plan.
Der Bahnhof soll nie fertig werden.
Er soll als ewiges Perpetuum Mobile der deutschen Infrastruktur weiterleben.
Ein Bauprojekt, das sich selbst verwaltet.
Ein Bahnhof, der nie fährt.
Eine Baustelle, die niemals arbeitslos wird.
Und während andere Länder Raumstationen bauen, Quantencomputer entwickeln oder Raketen zum Mars schicken, verfolgt Deutschland seine ganz eigene Vision:
Einen Bahnhof fertigzustellen.
Irgendwann.
Vielleicht.
2031.
Oder 2036.
Oder 2042.
Oder rechtzeitig zur Eröffnung von Stuttgart 21 Teil 2.
Am Ende bleibt mir nur Respekt.
Nicht für die Bauzeit.
Nicht für die Kosten.
Sondern für die Ausdauer.
Denn kein Projekt der Welt schafft es, über anderthalb Jahrzehnte hinweg immer wieder neue Verzögerungen zu produzieren und dabei trotzdem zu behaupten, man befinde sich weiterhin auf dem Weg zum Ziel.
Das ist keine Infrastruktur mehr.
Das ist Hochleistungssport.
Und deshalb schlage ich vor, Stuttgart 21 offiziell zum achten Weltwunder zu erklären.
Nicht weil es fertig ist.
Sondern weil es geschafft hat, unfertig zu bleiben, länger als manche Staaten existieren.
Und das, meine Freunde, ist eine Leistung, die man erst einmal nachbauen muss.

