Venedig will Tagestouristen künftig bis zu 50 Euro abknöpfen. Ronald Tramp untersucht, ob die Lagunenstadt heimlich zu Disneyland geworden ist.
Freunde, Reisende, Gondel-Fotografen und Menschen, die schon einmal 17 Euro für einen Cappuccino mit Kanalblick bezahlt haben – ich muss heute über einen Ort sprechen, der offenbar beschlossen hat, endgültig zur teuersten Sehenswürdigkeit Europas zu werden.
Venedig.
Die Stadt der Kanäle.
Die Stadt der Gondeln.
Die Stadt der Tauben.
Die Stadt, in der man sich dreimal verläuft, bevor man überhaupt merkt, wo man eigentlich hinwollte.
Und nun vielleicht auch:
Die Stadt mit dem teuersten Tagesticket der Welt.
Denn während andere Städte Touristen mit Rabatten, Gutscheinen oder kostenlosen Stadtführungen anlocken, hat Venedig eine revolutionäre Idee entwickelt.
„Wie wäre es, wenn wir einfach noch mehr Eintritt verlangen?“
Genial.
Wirklich genial.
Wenn etwas zu voll wird, macht man es teurer.
Das ist ungefähr die gleiche Strategie, mit der manche Menschen versuchen, ihre Kinder vom Süßigkeitenessen abzuhalten.
Nur dass Venedig daraus offenbar ein komplettes Geschäftsmodell machen möchte.
Der neue Bürgermeister Simone Venturini schlägt vor, die Tagesgebühr für Besucher auf bis zu 50 Euro anzuheben.
Fünfzig.
Euro.
Für das Recht, ein paar Stunden durch enge Gassen zu laufen, drei Millionen Fotos von Brücken zu machen und anschließend festzustellen, dass man versehentlich wieder am gleichen Platz gelandet ist.
Als ich das hörte, dachte ich zunächst, es handele sich um einen Druckfehler.
Vielleicht waren 5 Euro gemeint.
Oder 15.
Oder 50 Cent.
Aber nein.
Fünfzig Euro.
Venedig möchte offenbar den Sprung von der Stadt direkt zur Premium-Mitgliedschaft schaffen.
Bald gibt es vermutlich verschiedene Tarifstufen.
Venedig Basic
Man darf die Stadt ansehen.
Aus der Ferne.
Mit einem Fernglas.
Venedig Plus
Man darf eine Brücke überqueren.
Einmal.
Langsam.
Venedig Premium Gold Deluxe
Man darf sogar einen Selfie-Stick benutzen und zwei Tauben fotografieren.
Venedig Ultimate Platinum Lagoon Edition
Man erhält Zugang zu geheimen Kanälen, bevorzugten Gondelparkplätzen und einen persönlichen Akkordeonspieler.
Freunde, wir erleben die Netflixisierung des Tourismus.
Alles wird zum Abo.
Alles wird zur Premium-Version.
Ich rechne fest damit, dass demnächst ein Pop-up erscheint:
„Sie haben Ihr kostenloses Kontingent an Venedig-Minuten verbraucht. Möchten Sie für 19,99 Euro weiterschlendern?“
Natürlich begründet die Stadt alles mit dem Kampf gegen Massentourismus.
Und seien wir ehrlich:
Massentourismus gibt es dort tatsächlich.
An manchen Tagen hat man den Eindruck, halb Europa habe beschlossen, gleichzeitig dieselbe Gasse zu besuchen.
Man bewegt sich nicht mehr.
Man wird bewegt.
Wie eine menschliche Strömung.
Wie ein besonders langsamer Tsunami aus Sonnenhüten, Selfiesticks und Reiseführern.
Doch die neue Idee wirft Fragen auf.
Viele Fragen.
Zum Beispiel:
Ab wann ist eine Stadt eigentlich keine Stadt mehr, sondern ein Freizeitpark?
Denn Kritiker vergleichen die Pläne bereits mit Disneyland.
Ein unfairer Vergleich.
Disneyland ist günstiger.
Stellen Sie sich das vor.
Man fährt nach Italien.
Kommt an.
Und stellt fest, dass Mickey Maus möglicherweise die preiswertere Kulturreise anbietet.
Das ist eine Entwicklung, die selbst Wirtschaftswissenschaftler nicht auf ihrer Bingo-Karte hatten.
Besonders spannend ist die Vorstellung, was nach einer Einführung der 50-Euro-Gebühr passiert.
Plötzlich wird jede Sehenswürdigkeit kreativ.
Rom verlangt Eintritt für das Kolosseum.
Paris für den Blick auf den Eiffelturm.
Berlin erhebt eine Gebühr für das Betrachten von Baustellen.
Hamburg verkauft Hafenblick-Lizenzen.
Und Köln verlangt zehn Euro pro Dom-Glockenschlag.
Irgendwo sitzt vermutlich bereits eine Unternehmensberatung und entwickelt die Zukunft.
„Pay-per-View-Tourismus.“
Jeder Schritt wird einzeln berechnet.
Jede Brücke kostet extra.
Jede Taube wird per Mikrotransaktion freigeschaltet.
Wer eine Gondel sehen möchte, muss zunächst ein Werbevideo anschauen.
Aber Venedig denkt noch größer.
Das merkt man.
Heute kostet der Tagesbesuch vielleicht 50 Euro.
Morgen gibt es dynamische Preise.
Wie bei Flugtickets.
Montag: 29 Euro.
Dienstag: 34 Euro.
Mittwoch: 87 Euro.
Samstag bei Sonnenschein: Das Erstgeborene und die Hälfte des Sparkontos.
Und dennoch würden Menschen kommen.
Warum?
Weil Venedig eine magische Stadt ist.
Eine wunderschöne Stadt.
Eine Stadt, die selbst dann beeindruckt, wenn man bereits zum fünften Mal dieselbe Brücke fotografiert hat.
Genau deshalb entsteht das eigentliche Problem.
Die Menschen wollen dorthin.
Sehr viele Menschen.
Sehr, sehr viele Menschen.
So viele Menschen, dass die Stadt inzwischen versucht herauszufinden, ob man Touristen möglicherweise mit Preislisten abschrecken kann.
Es ist die erste Stadt der Welt, die sich wie ein überfüllter Nachtclub verhält.
„Tut uns leid, heute kostet der Eintritt 50 Euro.“
„Warum?“
„Weil schon alle hier sind.“
„Aber dann kommen doch noch mehr Leute?“
„Genau. Deshalb erhöhen wir nächstes Jahr auf 80.“
Am Ende bleibt die große Frage:
Wird die Gebühr tatsächlich kommen?
Das entscheidet nicht allein Venedig.
Die Regierung in Rom muss zustimmen.
Und irgendwo sitzen jetzt Beamte über Gesetzestexten und diskutieren vermutlich den historischen Satz:
„Wie viel darf ein Spaziergang durch Venedig eigentlich kosten?“
Währenddessen beobachtet die Welt gespannt das Geschehen.
Denn sollte das Modell funktionieren, könnte es Schule machen.
Und dann stehen wir eines Tages vor einem Schild:
„Willkommen auf Planet Erde. Tagesgebühr: 49,99 Euro.“
Und Venedig wird stolz verkünden:
„Wir waren die Ersten.“

