Donald Trump will George Washington fünf Jahre lang feiern und ihm einen rund neun Meter hohen Koloss vor das Smithsonian stellen. Ronald Tramp besucht eine Geschichtspolitik, bei der historische Bedeutung künftig offenbar in Metern gemessen wird.
Von Ronald Tramp – dem einzigen Reporter, der Geschichte noch lesen kann, ohne vorher eine 30-Fuß-Statue davorzustellen.
Meine Damen und Herren, Donald Trump hat ein Problem entdeckt. Kein kleines Problem. Kein mittleres Problem. Ein historisches, monumentales, mindestens 30 Fuß hohes Problem.
George Washington ist offenbar zu klein.
Nicht der echte Washington. Der ist seit 1799 tot und damit hinsichtlich seiner Körpergröße nur noch eingeschränkt verhandlungsfähig. Nein, es geht um seine symbolische Größe im Smithsonian.
Trump fordert deshalb eine fünfjährige Ausstellung über George Washington im National Museum of American History. Bis zum 22. Februar 2032, Washingtons 300. Geburtstag.
Fünf Jahre!
Das ist keine Ausstellung mehr.
Das ist praktisch ein befristeter Zweitwohnsitz für George Washington.
Aber damit nicht genug. Vor dem Museum steht derzeit eine moderne Skulptur namens „Infinity“. Trump findet sie offenbar ungefähr so inspirierend wie eine Steuererklärung auf Recyclingpapier.
Weg damit!
Stattdessen soll dort ein 30 Fuß hoher „Koloss“ von George Washington stehen.
Ungefähr neun Meter!
Endlich Geschichte in einer Größe, bei der selbst Menschen ohne Interesse an Geschichte keine Chance mehr haben, ihr auszuweichen.
Ich sehe Washington schon vor mir: gigantisch, majestätisch, wahrscheinlich mit einem Adler auf der Schulter, Delaware-Wasser unter den Stiefeln und einer Hand, die Richtung Zukunft zeigt.
Und vermutlich wird Trump irgendwann davorstehen und sagen:
„Beautiful statue. Tremendous statue. Almost perfect size. Maybe a little small.“
Denn neun Meter Washington sind natürlich nur der Anfang.
Wenn Washington neun Meter bekommt, wie groß muss Abraham Lincoln werden?
Zwölf?
Und was passiert mit Jefferson?
Acht Meter plus Sockel?
Benjamin Franklin könnte als 14 Meter hoher Blitzableiter aufgestellt werden.
Amerikanische Geschichte würde künftig nicht mehr nach Jahrhunderten sortiert, sondern nach Gebäudehöhe.
Trump stört sich besonders daran, dass Washingtons Überquerung des Delaware am 25. Dezember 1776 im Museum seiner Ansicht nach nicht ausreichend gewürdigt werde.
Das kann ich verstehen.
Wenn Donald Trump eine historische Flussüberquerung kuratieren würde, wäre sie unmöglich zu übersehen.
Sie bekäme wahrscheinlich eine komplette Halle.
Künstlicher Schnee.
Kanonen.
Nebelmaschinen.
Ein Boot in Originalgröße.
Und alle 15 Minuten würde aus Lautsprechern ertönen:
„THE GREATEST RIVER CROSSING IN THE HISTORY OF RIVER CROSSINGS!“
Anschließend könnte man im Museumsshop die „Washington Deluxe Delaware Experience“-Tasse für 49,99 Dollar kaufen.
Aber Trump möchte noch mehr. Er kritisiert einen früheren Schwerpunkt des Smithsonian auf „Restorative History“ und Dekolonisierung. Ihm ist offenbar zu viel von Unterdrückten und zu wenig von amerikanischen Helden die Rede.
Seine Lösung?
Ein Center for American Heroes.
Fantastisch.
Geschichte bekommt damit endlich das, was ihr seit Jahrhunderten fehlt:
eine Casting-Show.
Willkommen bei:
AMERICA’S GOT HEROES!
„George Washington – YOU’RE IN!“
„Abraham Lincoln – tremendous beard, very presidential!“
„Benjamin Franklin – electricity! Huge ratings!“
Und dann sitzt eine Jury da und vergibt Punkte:
Patriotismus: 10.
Heldentum: 10.
Monumenttauglichkeit: 9.
Geeignet für 30-Fuß-Version: ABSOLUT!
Natürlich steckt hinter der ganzen Sache eine ernsthafte Debatte: Wie erzählt ein Nationalmuseum Geschichte? Feiert es nationale Leistungen? Thematisiert es Unterdrückung? Kolonisierung? Widersprüche? Fortschritt?
Die vernünftige Antwort wäre vermutlich:
Alles davon.
Denn Geschichte ist keine Geburtstagsrede.
George Washington war zweifellos eine zentrale Figur der amerikanischen Revolution und der Staatsgründung. Gleichzeitig bestand die amerikanische Geschichte eben nicht ausschließlich aus Generälen, Präsidenten und Männern, die heroisch auf Pferden in Richtung Sonnenuntergang blickten.
Geschichte wird nicht schlechter, wenn man ihre Widersprüche zeigt.
Und Washington wird nicht kleiner, wenn man daneben auch über Menschen spricht, die in seiner Zeit keine Freiheit besaßen.
Aber diese Art von Differenzierung ist natürlich gefährlich.
Sie passt nämlich auf keine Statue.
Trump möchte offenbar Geschichte, die beim Betreten des Museums sofort salutiert.
Keine komplizierten Zusammenhänge.
Keine unbequemen Fußnoten.
Keine Fragezeichen.
Stattdessen:
HERO!
VICTORY!
AMERICA!
NOCH GRÖSSERE STATUE!
Besonders schön ist die Kritik an der Bezeichnung „Great Unsettling“ für die Zeit von 1492 bis 1776.
Trump sagt sinngemäß: Daran sehe man bereits, wie verdreht das Denken im Smithsonian sei.
Und plötzlich wird selbst Christoph Kolumbus Teil eines amerikanischen Kulturkampfes, obwohl der Mann 1492 wahrscheinlich hauptsächlich froh gewesen wäre, wenn sein Navigationssystem nicht aus Sternen, Wind und Optimismus bestanden hätte.
Aber die eigentliche Pointe kommt erst noch.
Trump fordert eine Geschichte, die „fair, accurate and coherent“ erzählt wird.
Fair. Präzise. Kohärent.
Von Donald Trump.
Das ist ein bisschen so, als würde Las Vegas eine Konferenz über finanzielle Zurückhaltung veranstalten.
Und trotzdem hat er in einem Punkt recht: Ein Nationalmuseum sollte Geschichte verständlich erzählen und große historische Persönlichkeiten angemessen würdigen.
Nur bedeutet „angemessen“ nicht automatisch:
NEUN METER HOCH.
Sonst brauchen wir irgendwann ein neues Smithsonian, weil die Persönlichkeiten nicht mehr durch die Türen passen.
Und seien wir ehrlich:
Wenn Washington erst seinen 30-Fuß-Koloss bekommt, beginnt sofort die gefährlichste Phase des gesamten Projekts.
Trump wird die Statue sehen.
Er wird nach oben schauen.
Er wird schweigen.
Vielleicht drei Sekunden.
Dann wird er jemanden fragen:
„How tall is mine?“
Und in diesem Moment, meine Damen und Herren, sollte das Smithsonian sehr, sehr vorsichtig antworten.
Ich bin Ronald Tramp.
Und ich sage: Geschichte sollte groß sein.
Aber wenn man für historische Bedeutung einen Kran benötigt, ist man möglicherweise nicht mehr im Museum.
Dann ist man bereits im Trump Themenpark für monumentale Erinnerungskultur.
Und der Souvenirshop kommt garantiert gleich hinter Washington.

