Milliarden Klicks für Menschen, die nur so tun, als würden sie lesen: Ronald Tramp analysiert den spektakulären Aufstieg des dekorativen Buchkonsums.
Meine Damen und Herren,
ich habe in meinem Leben viele Trends gesehen.
Wirklich viele.
Ich habe Menschen gesehen, die Wasser in Flaschen kaufen, obwohl es aus dem Hahn kommt.
Ich habe Menschen gesehen, die Fotos von ihrem Essen machen, bevor sie es essen.
Ich habe Menschen gesehen, die Videos darüber schauen, wie andere Menschen Videos schauen.
Aber jetzt haben wir den Gipfel erreicht.
Den Mount Everest der modernen Zivilisation.
Den Ferrari unter den Internet-Absurditäten.
Jugendliche tun auf TikTok so, als würden sie Bücher lesen.
Nicht lesen.
So tun.
Fantastisch.
Genial.
Historisch.
Der Hashtag #BookTokButFake sammelt Milliarden Klicks.
Milliarden!
Freunde, Shakespeare musste Theater bauen.
Goethe musste ganze Werke schreiben.
Tolstoi schrieb Bücher, die schwerer sind als manche Waschmaschinen.
Heute reicht es offenbar, ein Buch aufzuklappen und dabei möglichst intelligent in die Kamera zu schauen.
Willkommen im goldenen Zeitalter des symbolischen Lesens.
Früher las man Bücher, um Wissen zu erwerben.
Heute hält man Bücher, um Likes zu erwerben.
Ein enormer technologischer Fortschritt.
Ich stelle mir vor, wie das Ganze begann.
Irgendwo sitzt ein Jugendlicher.
Vor ihm liegt ein 800-Seiten-Roman.
Er schlägt Seite eins auf.
Macht ein Selfie.
Lädt es hoch.
Schließt das Buch.
Mission erfüllt.
Literatur erfolgreich abgeschlossen.
In meiner Jugend gab es Buchbesprechungen.
Heute gibt es Buchpräsentationen.
Der Unterschied?
Früher ging es um den Inhalt.
Heute geht es um die Beleuchtung.
Und die richtige Tasse Kaffee.
Und die richtige Zimmerpflanze.
Und den richtigen Filter.
Das Buch selbst ist inzwischen ungefähr so wichtig wie die Bedienungsanleitung eines Kühlschranks.
Besonders faszinierend finde ich die wirtschaftliche Seite.
Verlage verbringen Jahre damit, Autoren aufzubauen.
Lektoren bearbeiten Manuskripte.
Designer gestalten Cover.
Druckereien produzieren Millionen Exemplare.
Und am Ende gewinnt das Buch, das am besten neben einer Kerze aussieht.
Karl Marx hätte das geliebt.
Oder gehasst.
Wahrscheinlich beides.
Der Trend zeigt übrigens eine bemerkenswerte Entwicklung unserer Gesellschaft.
Wir sind vom Informationszeitalter ins Dekorationszeitalter eingetreten.
Es reicht nicht mehr, intelligent zu sein.
Man muss intelligent aussehen.
Der Unterschied ist gewaltig.
Ein Mensch, der ein Buch liest:
0 Likes.
Ein Mensch, der ein Buch vor sein Gesicht hält und traurig aus dem Fenster schaut:
3,4 Millionen Likes.
Die Mathematik ist eindeutig.
Ich habe mir sagen lassen, dass manche dieser Videos ganze Rezensionen enthalten.
Rezensionen von Büchern, die niemals gelesen wurden.
Das ist Kunst.
Das ist Effizienz.
Das ist die digitale Transformation.
Warum 700 Seiten lesen, wenn man dieselbe Aufmerksamkeit mit einem Ringlicht und dramatischer Hintergrundmusik bekommt?
Manche Experten sorgen sich deshalb um die Zukunft des Lesens.
Ich sehe das anders.
Die Menschheit entwickelt sich weiter.
Vielleicht werden Bücher künftig vollständig dekorativ.
Wie Zimmerpflanzen.
Oder Zierkissen.
Oder Fitnessgeräte nach dem dritten Januar.
Man besitzt sie.
Man zeigt sie.
Man benutzt sie möglichst wenig.
Es gibt inzwischen wahrscheinlich Menschen, die ihre Bücher nach Farbschema sortieren, aber nicht wissen, worum es darin geht.
„Worum geht es in diesem Roman?“
„Keine Ahnung. Aber er passt perfekt zur Wandfarbe.“
Das nennt man ästhetische Bildung.
Besonders spannend wird es, wenn klassische Literatur betroffen ist.
Stellen Sie sich vor:
Goethe kehrt zurück.
Er schaut auf TikTok.
Millionen Menschen posieren mit „Faust“.
Niemand hat „Faust“ gelesen.
Goethe verschwindet sofort wieder.
Selbst Kafka würde sagen:
„Das ist mir zu absurd.“
Natürlich hat jeder Trend Gewinner.
In diesem Fall sind es die Bücher.
Jahrzehntelang wurden sie von Smartphones verdrängt.
Jetzt sind sie zurück.
Nicht als Literatur.
Sondern als Accessoire.
Das Buch erlebt sein großes Comeback als Influencer.
Wenn man genau darüber nachdenkt, ist das sogar eine Erfolgsgeschichte.
Ein Buch muss heute nicht mehr gelesen werden.
Es muss viral gehen.
Der Inhalt ist optional.
Das Cover ist entscheidend.
Ich erwarte bereits die nächste Evolutionsstufe.
Menschen werden anfangen, ganze Bibliotheken zu kaufen, ohne jemals ein Buch aufzuschlagen.
Künstliche Intelligenz wird automatisch passende Zitate generieren.
Virtuelle Bücherregale werden Statussymbole.
Und Influencer werden Videos veröffentlichen mit Titeln wie:
„Meine Top 10 Lieblingsbücher, die ich niemals gelesen habe.“
Zehn Millionen Aufrufe.
Mindestens.
Vielleicht ist das der wahre Triumph des Internets.
Früher musste man tatsächlich lesen, um als belesen zu gelten.
Heute reicht eine gute Kamera.
Und ein Hardcover.
Ich bin Ronald Tramp.
Und ich sage euch:
Wenn dieser Trend anhält, wird die nächste Generation nicht mehr fragen:
„Hast du das Buch gelesen?“
Sondern:
„Wie viele Likes hat dein Bücherregal?“

