Fünf Jahre Krieg verändern nicht nur Frontlinien, sondern auch Perspektiven. Ronald Tramp besucht das fiktive „Ministerium für selektives Mitgefühl“, wo man erstaunt feststellt, dass ein Krieg manchmal auch den Angreifer erreicht. Eine Satire über Propaganda, Doppelmoral und die erstaunliche Entdeckung der eigenen Betroffenheit.
Meine Damen und Herren, fantastische Nachrichten! Oder besser gesagt: fantastische Überraschungen! Denn ich dachte bisher immer, nach fünf Jahren Krieg gäbe es eigentlich nur noch wenige Dinge, die jemanden überraschen könnten.
Doch offenbar habe ich mich geirrt.
Ich, Ronald Tramp, wahrscheinlich der objektivste Reporter zwischen einem Pressezentrum und einer Kaffeemaschine, wurde in das streng geheime Ministerium für selektives Mitgefühl eingeladen. Eine Einrichtung, die angeblich erst eröffnet wurde, nachdem irgendjemand feststellte, dass Krieg manchmal nicht nur auf der Landkarte stattfindet, sondern gelegentlich auch vor der eigenen Haustür auftaucht.
Bereits im Eingangsbereich hing ein großes Schild:
„Willkommen. Realität bitte nur nach Terminvereinbarung betreten.“
Daneben befand sich eine Vitrine mit der Aufschrift:
„Hier lagert unsere Überraschung.“
Sie war leer.
Ein Mitarbeiter erklärte mir stolz:
„Die ist ständig ausverkauft.“
Ich nickte anerkennend.
Das passte hervorragend zur Stimmung.
Denn plötzlich kursierten überall Videos von Menschen, die vor brennenden Lagerhallen standen und verzweifelt fragten:
„Habt ihr denn gar kein Mitgefühl?“
Ich musste kurz nachdenken.
Nicht über Mitgefühl.
Das sollte man immer haben.
Sondern über den Zeitpunkt dieser Entdeckung.
Denn seit fünf Jahren kennt Europa Bilder von zerstörten Wohnhäusern, Krankenhäusern, Schulen, Einkaufszentren, Kraftwerken und Bahnhöfen. Millionen Menschen wurden vertrieben, unzählige Familien verloren Angehörige oder ihre Heimat.
Nun brennen Lagerhallen.
Und plötzlich scheint die Erkenntnis zu reifen:
Krieg ist unangenehm.
Eine revolutionäre Entdeckung.
Ich fragte einen fiktiven Beamten:
„Wann wurde das festgestellt?“
Er blätterte hektisch in einem Ordner.
„Vor ungefähr drei Tagen.“
„Vorher nicht?“
„Vorher lag der Krieg geografisch günstiger.“
Beeindruckende Ehrlichkeit.
Im nächsten Büro befand sich die Abteilung für überraschende Konsequenzen.
An der Tür stand:
„Bitte eintreten – sofern Sie wirklich nicht damit gerechnet haben.“
Drinnen herrschte hektischer Betrieb.
Ein Mitarbeiter rannte aufgeregt durch den Raum.
„Chef!“
„Ja?“
„Es gibt Berichte über Drohnenangriffe!“
„Wo?“
„Bei uns!“
Der Chef fiel fast vom Stuhl.
„Wie konnte das passieren?“
Ein Praktikant meldete sich vorsichtig.
„Vielleicht... weil wir uns im Krieg befinden?“
Sekundenlang herrschte betretenes Schweigen.
Dann wurde beschlossen, diese Theorie zunächst von drei Arbeitsgruppen prüfen zu lassen.
Man möchte schließlich nichts überstürzen.
Währenddessen liefen im Internet emotionale Videos.
Menschen berichteten von verbrannten Waren, zerstörten Existenzen und wirtschaftlichen Sorgen.
Diese Gefühle sind nachvollziehbar.
Jeder Verlust eines Lebenswerks ist tragisch.
Doch Ronald Tramp bemerkte etwas anderes.
In erstaunlich vielen Videos klang es fast so, als sei der Krieg gerade eben erst erfunden worden.
Als hätte vorher irgendwo ein riesiger Schalter gestanden mit der Aufschrift:
„Krieg betrifft ausschließlich andere.“
Und plötzlich hatte jemand versehentlich darauf gedrückt.
Ich entwickelte daraufhin eine neue Einrichtung.
Die Akademie für selektive Wahrnehmung.
Dort gibt es verschiedene Lehrgänge.
Grundkurs:
„Wie man Explosionen erst ernst nimmt, wenn sie im eigenen Stadtplan auftauchen.“
Aufbaukurs:
„Empörung in drei einfachen Schritten.“
Und das beliebteste Seminar:
„Ursache? Welche Ursache?“
Ausgebucht bis 2032.
Ich traf anschließend Professor Ursache.
Ein hoch angesehener Wissenschaftler.
„Herr Professor, warum fällt es Menschen manchmal schwer, Zusammenhänge zu erkennen?“
Er antwortete:
„Weil Folgen grundsätzlich viel lauter sind als Ursachen.“
Treffender hätte man es kaum formulieren können.
Natürlich darf man Mitgefühl mit Menschen haben, deren wirtschaftliche Existenz zerstört wird.
Das gilt unabhängig von Nationalität oder Wohnort.
Aber genau deshalb wirkt es merkwürdig, wenn Mitgefühl plötzlich ausschließlich in eine Richtung eingefordert wird.
Ich fragte einen weiteren Beamten:
„Wie funktioniert eigentlich selektives Mitgefühl?“
Er erklärte:
„Ganz einfach.“
„Solange andere betroffen sind, sprechen wir über Strategie.“
„Und wenn wir betroffen sind?“
„Dann sprechen wir über Menschlichkeit.“
Effizient.
Fast schon elegant.
Im Keller des Ministeriums entdeckte ich schließlich den berühmten Boomerang-Raum.
Dort hingen hunderte Bumerangs an der Wand.
Ein Mitarbeiter warf einen davon.
Er flog los.
Kam zurück.
Alle erschraken.
„Unglaublich!“
rief einer.
„Damit konnte wirklich niemand rechnen!“
Ich musste laut lachen.
Nicht über den Krieg.
Sondern über diese absurde Vorstellung, man könne Handlungen dauerhaft von ihren Folgen trennen.
Kurz darauf begegnete ich einem Philosophen.
Er betrachtete schweigend eine Weltkarte.
„Was denken Sie?“, fragte ich.
Er antwortete:
„Jeder Krieg beginnt mit der Illusion, ihn kontrollieren zu können.“
„Und endet?“
„Mit der Erkenntnis, dass Kontrolle meistens nur ein Wunsch war.“
Während ich das Ministerium verließ, entdeckte ich noch ein letztes Schild.
Darauf stand:
„Mitgefühl ist keine Einbahnstraße.“
Darunter hatte jemand handschriftlich ergänzt:
„Und Konsequenzen leider auch nicht.“
Ich blieb einen Moment stehen.
Denn genau darin liegt vielleicht die eigentliche Pointe.
Propaganda versucht oft, die eigene Perspektive zur einzigen Wahrheit zu machen.
Satire dagegen hält einen Spiegel hoch.
Manchmal zeigt dieser Spiegel unbequeme Bilder.
Nicht weil er grausam wäre.
Sondern weil Spiegel eine unangenehme Eigenschaft besitzen:
Sie zeigen nicht nur das, was vor einem liegt.
Sondern gelegentlich auch das, was man jahrelang übersehen wollte.
Ich, Ronald Tramp, verließ das Ministerium schließlich mit einer letzten Erkenntnis.
Vielleicht ist die größte Überraschung dieses Krieges gar nicht, dass Menschen über ihre Verluste weinen.
Das tun Menschen überall auf der Welt.
Die eigentliche Überraschung ist vielmehr, wie leicht manche glauben, Mitgefühl müsse ausschließlich für das eigene Leid gelten – bis die Realität plötzlich daran erinnert, dass Krieg niemals nur auf einer Seite Schmerzen verursacht.

