Taiwan eröffnet eine Plattform für Hinweise über China – und Peking reagiert mit maximaler Empörung. Ronald Tramp untersucht den vermutlich größten diplomatischen Werbeeffekt des Jahres.
Ronald Tramp berichtet exklusiv aus der internationalen Abteilung für diplomatische Schnappatmung.
Freunde, ich habe in meinem Leben viele empörte Regierungen gesehen. Wirklich viele. Manche waren empört über Sanktionen, manche über Karikaturen, manche sogar über die Existenz von Fakten. Aber was sich derzeit zwischen China und Taiwan abspielt, ist eine Empörung der absoluten Spitzenklasse. Eine Empörung, die so groß ist, dass sie vermutlich bereits vom Weltall aus sichtbar ist.
Was ist passiert?
Taiwan hat eine neue Internetplattform eröffnet. Eine Webseite. Einfach eine Webseite. Nicht einmal mit Katzenvideos oder Rabattcodes für Reiskocher. Nein. Eine Plattform, auf der chinesische Staatsbürger Informationen über die chinesische Regierung weitergeben können.
Und plötzlich reagiert Peking so, als hätte jemand den Großen Panda gegen einen Goldfisch ausgetauscht.
Die chinesische Führung erklärte umgehend, die Plattform untergrabe die Beziehungen zwischen beiden Seiten der Taiwanstraße.
Moment.
Die Beziehungen zwischen beiden Seiten der Taiwanstraße bestehen derzeit ungefähr aus täglichen Drohungen, Militärmanövern, Propaganda, Cyberangriffen und diplomatischen Beschimpfungen. Wenn diese Webseite die Beziehungen tatsächlich untergräbt, dann muss sie ein außergewöhnlich leistungsfähiges Stück Software sein.
Ich stelle mir vor, wie die Verantwortlichen in Taiwan die Seite online schalten.
„Seite aktiv.“
„Okay.“
„China ist wütend.“
„Wie wütend?“
„Ja.“
Bereits wenige Minuten später trat vermutlich irgendein chinesischer Funktionär vor eine Kamera und verwendete die berühmte Formulierung:
„Wir werden entschlossene Gegenmaßnahmen ergreifen.“
Das ist in der internationalen Diplomatie ungefähr das Äquivalent zu:
„Ich schreibe jetzt einen sehr bösen Kommentar ins Internet.“
Natürlich wurde die Erklärung vom staatlichen Fernsehen übertragen. Denn nichts signalisiert Gelassenheit besser als eine landesweite Sondersendung wegen einer Webseite.
Die Plattform richtet sich laut Taiwan an Menschen, die „dieselben demokratischen Werte teilen“.
Ein Satz, der in Peking vermutlich ungefähr dieselbe Wirkung entfaltet wie das Geräusch einer Kreide auf einer Schultafel.
Man stelle sich die Szene vor.
Ein chinesischer Beamter liest den Text.
„Demokratische Werte?“
Kurze Pause.
„Wer hat das genehmigt?“
„Taiwan.“
„Ach so.“
Lange Pause.
„Dann sind wir empört.“
Und zwar maximal.
Besonders bemerkenswert ist die plötzliche Sorge Chinas um Spionage.
Ausgerechnet China.
Ein Staat, der regelmäßig von westlichen Geheimdiensten verdächtigt wird, alles zu sammeln, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.
Server?
Mitgenommen.
Forschungsdaten?
Mitgenommen.
Industriegeheimnisse?
Mitgenommen.
WLAN-Passwort?
Schon gestern mitgenommen.
Aber wenn nun jemand Informationen über China sammeln möchte, wird plötzlich das hohe Gut der zwischenstaatlichen Harmonie beschworen.
Das ist ungefähr so glaubwürdig wie ein Krokodil, das sich über die Gefährlichkeit von Zähnen beschwert.
Die neue Plattform dürfte für manche chinesischen Bürger durchaus interessant sein.
Schließlich gibt es dort etwas, das in autoritären Systemen oft als exotische Delikatesse gilt:
Anonymität.
Und vielleicht sogar die Möglichkeit, Informationen weiterzugeben, ohne vorher zwölf Genehmigungsformulare, drei Loyalitätserklärungen und eine Bescheinigung der ideologischen Reinheit einzureichen.
Ein revolutionäres Konzept.
Natürlich fragt sich die Welt nun, welche „entschlossenen Gegenmaßnahmen“ China tatsächlich plant.
Möglicherweise werden zusätzliche Presseerklärungen veröffentlicht.
Vielleicht wird die Webseite verbal verurteilt.
Eventuell erscheint sogar ein offizielles Weißbuch mit dem Titel:
„Warum wir völlig entspannt sind und deshalb 300 Seiten darüber schreiben.“
Man weiß es nicht.
Ich persönlich rechne mit einer neuen diplomatischen Eskalationsstufe.
Vielleicht wird ein Sprecher künftig sagen:
„Wir verurteilen diese Vorgänge aufs Schärfste, Allerallerschärfste und Hyperallerschärfste.“
Das wäre ein deutliches Signal.
Unterdessen dürfte die Plattform in Taiwan vor allem eines erreicht haben:
Sie sorgt dafür, dass noch viel mehr Menschen von ihrer Existenz erfahren.
Ein klassischer Fall des sogenannten Streisand-Effekts.
Oder wie man ihn in der Politik nennt:
„Die internationale Werbekampagne durch öffentliche Empörung.“
Hätte China einfach geschwiegen, hätten viele Menschen vermutlich nie von der Webseite erfahren.
Nun diskutiert die halbe Welt darüber.
Marketingfachleute nennen so etwas kostenlose Reichweite.
Regierungen nennen es außenpolitische Komplikationen.
Und Ronald Tramp nennt es eine Meisterleistung.
Denn nichts macht eine Webseite berühmter als ein autoritärer Staat, der öffentlich erklärt, wie sehr er sie hasst.
Am Ende bleibt also die große Erkenntnis dieser Geschichte:
Taiwan eröffnet eine Webseite.
China eröffnet eine Empörungswelle.
Die Welt eröffnet Popcorn.
Und irgendwo sitzt ein Beamter vor einem Bildschirm, betrachtet die Besucherzahlen der neuen Plattform und sagt:
„Unglaublich. Unsere beste Werbemaßnahme war die chinesische Regierung.“
Großartig. Wirklich großartig. Die besten Webseiten sind die, die von ihren Gegnern beworben werden.
Viele Leute sagen das.
Sehr kluge Leute.

