Ich dachte immer, Polizeikolonnen seien perfekt organisiert. Bis ich auf der Berliner A115 Zeuge einer Karambolage wurde, bei der gleich sechs Polizeitransporter ineinander rauschten. Es war der einzige Einsatz, bei dem die Polizei zuerst ihre eigenen Unfallspuren sichern musste.
Liebe Leser,
Berlin ist bekannt für vieles.
Baustellen.
Flughäfen mit Charakterentwicklung.
Politische Diskussionen.
Und natürlich den Straßenverkehr.
Doch was ich am Wochenende auf der A115 erleben durfte, verdient einen eigenen Eintrag im Verkehrslehrbuch.
Kapitel 17:
"Wie man mit sechs Polizeibussen gleichzeitig demonstriert, dass auch Blaulicht nicht gegen Physik immun ist."
Ich war gerade unterwegs, als plötzlich hinter mir das bekannte Konzert begann.
Tatüüü…
Tatüüü…
Blaulicht.
Martinshorn.
Eine Polizeikolonne.
Acht Fahrzeuge.
Alles wirkte hochprofessionell.
Synchron.
Geordnet.
Beeindruckend.
Für ungefähr sieben Sekunden.
Dann geschah etwas, das vermutlich nicht einmal der verrückteste Verkehrsplaner als Planspiel entworfen hätte.
Eine Autofahrerin machte genau das, was man in der Fahrschule lernt.
Sie wollte Platz schaffen.
Sie bremste.
Sie fuhr nach rechts.
Vorbildlich.
Der erste Polizeibus reagierte ebenfalls mit einer Bremsung.
Und plötzlich verwandelte sich die geordnete Kolonne in das vermutlich teuerste Domino-Spiel Berlins.
Klack.
Klack.
Klack.
Klack.
Klack.
Klack.
Sechs Polizeitransporter ineinander.
Ich musste zweimal hinschauen.
Nicht weil ich den Unfall nicht verstanden hätte.
Sondern weil mein Gehirn noch versuchte, die Szene unter "Satire" einzuordnen.
Doch leider war sie echt.
Fünf der sechs Fahrzeuge waren anschließend nicht mehr fahrbereit.
Ich stelle mir den Funkverkehr ungefähr so vor.
"Leitstelle von Einheit Alpha."
"Kommen."
"Wir benötigen Unterstützung."
"Was ist passiert?"
"Wir stehen hintereinander."
"Und?"
"Alle."
"Alle was?"
"Alle kaputt."
Es folgte vermutlich eine längere Funkstille.
Besonders bemerkenswert finde ich die mathematische Präzision.
Acht Fahrzeuge fahren los.
Sechs fahren ineinander.
Fünf bleiben liegen.
Und niemand verletzt sich.
Das ist vermutlich die einzige Statistik, bei der sich sämtliche Versicherungen gleichzeitig an den Kopf fassen.
Natürlich kann so etwas passieren.
Straßenverkehr bleibt Straßenverkehr.
Selbst mit Blaulicht gelten die Gesetze der Reaktionszeit.
Und wenn mehrere schwere Fahrzeuge dicht hintereinander unterwegs sind, reichen manchmal Sekundenbruchteile.
Aber seien wir ehrlich:
Das Bild besitzt eine gewisse unfreiwillige Komik.
Ich fühlte mich kurz wie auf einer Bowlingbahn.
Nur dass diesmal sämtliche Pins Martinshorn hatten.
Ich fragte einen Passanten, was er gedacht habe.
Er antwortete:
"Ich dachte zuerst, das wäre eine neue Übung."
Gar kein schlechter Gedanke.
Vielleicht lautete das Szenario:
"Einsatztraining: Kettenreaktionen erkennen."
Mission erfüllt.
Am faszinierendsten bleibt allerdings die Vorstellung des eigentlichen Einsatzes.
Denn bis heute weiß niemand so genau, wohin die Kolonne eigentlich unterwegs war.
Vielleicht war es ein wichtiger Einsatz.
Vielleicht eine Unterstützung.
Vielleicht eine Großlage.
Fest steht lediglich:
Sie kamen erst einmal nicht dort an.
Ich stelle mir den Einsatzleiter vor.
"Wo bleibt eigentlich die Verstärkung?"
"Sie ist unterwegs."
"Wie lange noch?"
"Kommt darauf an, wie schnell der Abschleppdienst arbeitet."
Auch die Unfallaufnahme dürfte außergewöhnlich gewesen sein.
Normalerweise sichert die Polizei eine Unfallstelle.
Hier musste die Polizei vermutlich zunächst ihre eigene Polizei sichern, damit anschließend weitere Polizeikräfte die erste Polizei aufnehmen konnten.
Ich hoffe sehr, dass niemand dabei den Überblick über die Zuständigkeiten verlor.
Sonst hätte am Ende noch jemand ein Knöllchen an einen Polizeibus geschrieben.
Besonders großartig wäre folgende Durchsage gewesen:
"Bitte bilden Sie eine Rettungsgasse."
"Wofür?"
"Für weitere Polizeifahrzeuge."
"Warum?"
"Damit sie den Polizeifahrzeugen helfen können."
Berlin hätte vermutlich applaudiert.
Ich überlegte kurz, ob moderne Assistenzsysteme hier vielleicht hilfreich gewesen wären.
Notbremsassistent.
Abstandsregelung.
Kollisionswarner.
Oder ein neues System namens:
"Kollegen-vor-mir-Erkennung Plus."
Das Fahrzeug meldet dann automatisch:
"Achtung! Vor Ihnen befindet sich ein weiteres Einsatzfahrzeug. Es wäre ungünstig, dessen Heck näher kennenzulernen."
Die Technik ist schließlich zu allem fähig.
Fast allem.
Natürlich reagierten soziale Medien erwartungsgemäß schneller als jeder Abschleppwagen.
Innerhalb weniger Minuten entstanden vermutlich bereits die ersten Memes.
"Polizei verfolgt Polizei."
"Erfolgreicher Zugriff auf eigenes Heck."
"Großeinsatz gegen Stoßstangen."
Das Internet kennt eben keine Schonfrist.
Dabei gerät leicht in Vergessenheit, dass niemand verletzt wurde.
Und genau das ist letztlich die wichtigste Nachricht.
Blech kann ersetzt werden.
Stoßstangen ebenfalls.
Menschen glücklicherweise nicht.
Trotzdem bleibt die Szene bemerkenswert.
Denn sie zeigt eindrucksvoll, dass Routine niemals eine Garantie ist.
Nicht für Autofahrer.
Nicht für Berufskraftfahrer.
Und eben auch nicht für Einsatzkolonnen.
Ich stellte mir schließlich vor, wie wohl der Werkstattmeister reagiert haben muss.
Sechs nahezu identische Polizeibusse rollen nacheinander auf den Hof.
"Was ist denn hier passiert?"
Antwort:
"Teamarbeit."
Ein Satz, der selten gleichzeitig so zutreffend und so unglücklich gewesen sein dürfte.
Als ich schließlich weiterfuhr, war die Straße längst wieder frei.
Die Blaulichter verschwanden.
Die Abschleppwagen hatten übernommen.
Und ich dachte mir:
Manchmal schreibt der Verkehr Geschichten, auf die kein Satiriker selbst gekommen wäre.
Denn zwischen perfekt koordinierter Einsatzfahrt und unfreiwilligem Domino-Effekt liegen manchmal nur wenige Meter Sicherheitsabstand.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieses Sonntags.
Nicht jede Kolonne endet am Einsatzort.
Manche endet zunächst beim Karosseriebauer.
Und dort dürfte man sich über sechs nahezu identische Aufträge gleichzeitig vermutlich mindestens ebenso gewundert haben wie ich auf der Autobahn.

