Eine Bremer Buchhandlung verliert einen Preis – und antwortet mit maximaler Verehrung für Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Ronald Tramp berichtet über Deutschlands vielleicht größte Fassaden-Satire.
Von Ronald Tramp
Meine Damen und Herren,
Deutschland hat wieder einmal bewiesen, dass es das weltweit führende Land für Bürokratie, Formulare und kulturelle Verwirrung ist.
Diesmal führt uns die Geschichte nach Bremen.
Dort steht eine kleine Buchhandlung namens „Golden Shop“. Ein Ort voller Bücher, Gedanken und Menschen, die freiwillig Texte lesen, die länger sind als ein Social-Media-Kommentar.
Doch plötzlich stellte sich für die Betreiber eine existenzielle Frage:
Wie gefällt man eigentlich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer?
Eine berechtigte Frage.
Schließlich hatte der Minister beschlossen, der Buchhandlung den Deutschen Buchhandlungspreis nicht zu verleihen.
Warum?
Nun ja.
Das weiß niemand so genau.
Offenbar existieren irgendwo im Universum „verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse“.
Welche Erkenntnisse?
Keine Ahnung.
Woher stammen sie?
Weiß man nicht.
Was steht darin?
Geheim.
Wer hat sie gesehen?
Vermutlich dieselben Menschen, die auch das Bernsteinzimmer und Atlantis verwalten.
Für die betroffenen Buchhandlungen hatte diese Erklärung ungefähr denselben Informationswert wie:
„Wir haben Gründe.“
„Welche Gründe?“
„Gründe eben.“
Normalerweise endet eine solche Geschichte mit empörten Pressemitteilungen.
Nicht jedoch in Bremen.
Denn dort dachte man offenbar:
„Wenn wir schon ausgeschlossen werden, dann wenigstens mit Stil.“
Und so begann die wahrscheinlich romantischste Kulturförderungsbewerbung der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Die Fassade der Buchhandlung wurde umgestaltet.
Nicht mit Werbung für Bestseller.
Nicht mit Literaturzitaten.
Nicht mit Hinweisen auf Lesungen.
Nein.
Man entschied sich für Wolfram Weimer.
Überall Wolfram Weimer.
Mehr Wolfram ging nur noch, wenn die Buchhandlung in „Wolfram-Shop“ umbenannt worden wäre.
Plötzlich prangten Aussagen des Ministers an der Außenwand.
Große Banner wurden aufgehängt.
Porträts erschienen.
Passanten blieben stehen und fragten sich, ob sie an einer Buchhandlung vorbeigingen oder versehentlich in eine Wolfram-Weimer-Gedenkstätte geraten waren.
Besonders beeindruckend war die Liebeserklärung auf Instagram.
„Hallo Weimi. Gefällt dir unsere neue Fassade besser? Wir lieben dich und deine intellektuellen Ergüsse. Bitte gib Preis.“
Meine Damen und Herren:
So klingt keine Kritik.
So klingt ein Heiratsantrag mit Verwaltungsbezug.
Man stelle sich vor, alle Bewerbungsverfahren würden künftig so funktionieren.
„Hallo Finanzamt. Wir lieben eure Steuerbescheide. Bitte gib Rückerstattung.“
„Hallo Bahn. Wir verehren eure Verspätungen. Bitte gib Sitzplatz.“
„Hallo Vermieter. Du bist wunderschön. Bitte gib Mietsenkung.“
Deutschland würde innerhalb weniger Wochen vollständig kollabieren.
Oder überraschend höflich werden.
Noch weiß man es nicht.
Doch die eigentliche Meisterleistung liegt woanders.
Denn die Bremer Buchhandlung hat etwas geschafft, das normalerweise unmöglich ist:
Sie hat Bürokratie mit Satire bekämpft.
Und Bürokratie ist normalerweise immun gegen alles.
Bürokratie überlebt Kriege.
Bürokratie überlebt Regierungen.
Bürokratie überlebt sogar Softwareupdates.
Doch plötzlich steht da eine riesige Fassade voller Ministerzitate.
Und jeder fragt:
„Moment mal … was genau soll hier eigentlich problematisch sein?“
Eine gefährliche Frage.
Denn sie führt direkt zum Erzfeind jeder Behörde:
Transparenz.
Währenddessen diskutierte ganz Deutschland über einzelne Schriftzüge der Buchhandlung.
Besonders über den berühmten Satz:
„Deutschland verrecke bitte.“
Kritiker zeigten sich empört.
Andere verwiesen darauf, dass es sich um ein Zitat der Punkband Slime handelt.
Wieder andere verwiesen auf Gerichtsentscheidungen.
Juristen diskutierten.
Kommentatoren kommentierten.
Kommentatoren kommentierten die Kommentatoren.
Irgendwann kommentierte vermutlich sogar jemand die Kommentierung der Kommentatoren.
Das ist schließlich Deutschland.
Hier wird alles gründlich bearbeitet.
Selbst Satire.
Besonders bemerkenswert bleibt jedoch die Logik der gesamten Affäre.
Der Staat vergibt einen Preis.
Einige Buchhandlungen werden ausgeschlossen.
Die Gründe bleiben geheim.
Daraufhin reagiert eine Buchhandlung mit übertriebener Verehrung des Ministers.
Und plötzlich lacht das halbe Land.
Man könnte fast meinen, die Buchhandlung habe verstanden, wie moderne Aufmerksamkeit funktioniert.
Während andere Häuser Bücher verkaufen, verkauft der Golden Shop inzwischen das seltenste Produkt Deutschlands:
Ironie.
Und die Nachfrage scheint enorm.
Als ich vor Ort recherchierte – selbstverständlich als größter Reporter aller Zeiten –, stellte ich mir nur eine einzige Frage:
Wie geht diese Geschichte weiter?
Vielleicht erscheint bald die Sonderedition:
„Wolfram Weimer – Die gesammelten Fassadenzitate.“
Vielleicht folgt eine Premium-Version des Buchhandlungspreises.
Vielleicht müssen Bewerber künftig Minister-Porträts sticken.
Vielleicht gibt es Bonuspunkte für vergoldete Bilderrahmen.
Vielleicht wird die nächste Jury-Sitzung direkt in einem Schaufenster abgehalten.
Man weiß es nicht.
Fest steht nur:
Die Bremer Buchhandlung hat aus einer Preisverweigerung ein Kunstwerk gemacht.
Sie hat aus Bürokratie eine Performance erzeugt.
Und aus einem Verwaltungsakt eine bundesweite Satireveranstaltung.
Das ist bemerkenswert.
Denn normalerweise schaffen Kulturpreise Aufmerksamkeit für Bücher.
Hier schaffte ein nicht vergebener Kulturpreis Aufmerksamkeit für eine Buchhandlung.
Das muss man erst einmal hinbekommen.
Und deshalb bleibt am Ende nur eine Frage offen:
Hat die neue Fassade dem Minister gefallen?
Falls nicht, könnte man immer noch eine goldene Statue vor dem Eingang aufstellen.
Oder den Laden in „Ministerium für angewandte Ironie“ umbenennen.
In Deutschland scheint inzwischen alles möglich zu sein.

