Während Bürger bei Gesundheit und Rente mit höheren Belastungen rechnen müssen, fließen Millionen in politische Imagepflege. Ronald Tramp untersucht den Widerspruch.
Liebe Freunde,
hier spricht Ronald Tramp, Deutschlands führender Experte für politische Rechenkunst und staatlich geförderte Widersprüche.
Heute geht es um eine Geschichte, die so perfekt ist, dass man sie eigentlich nicht satirisch ausschmücken müsste. Die Realität hat den Job bereits erledigt.
Auf der einen Seite hören die Bürger seit Monaten dieselbe Melodie:
Die Gesundheitskosten steigen.
Die Rentenkassen stehen unter Druck.
Alle müssen ihren Beitrag leisten.
Wir müssen sparen.
Wir müssen effizienter werden.
Wir müssen den Gürtel enger schnallen.
Das ist inzwischen die offizielle Nationalhymne der deutschen Politik.
Morgens beim Aufstehen.
Mittags in Talkshows.
Abends in Nachrichtensendungen.
Immer dieselbe Botschaft:
„Leider wird es für die Bürger etwas teurer.“
Und dann kommt die andere Meldung.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche lässt sich offenbar für bis zu 2,2 Millionen Euro pro Jahr von Kommunikations- und PR-Agenturen beraten.
Steuergeld.
Vom selben Steuerzahler.
Von denselben Bürgern.
Von genau den Menschen also, denen man gleichzeitig erklärt, dass für alles Mögliche leider kein Geld mehr da sei.
Freunde.
Wenn Widersprüche eine olympische Disziplin wären, hätte Deutschland gerade Gold gewonnen.
Stellen wir uns die Szene einmal vor.
Eine Rentnerin sitzt am Küchentisch.
Die Energiekosten steigen.
Die Krankenversicherung wird teurer.
Die Rente reicht nicht mehr so weit wie früher.
Im Fernsehen erklärt ein Politiker:
„Wir müssen alle Opfer bringen.“
Die Rentnerin nickt.
Verständnisvoll.
Dann liest sie die nächste Schlagzeile:
2,2 Millionen Euro für Imageberatung.
Und plötzlich entwickelt sogar ihr Blutdruck ein Sondervermögen.
Natürlich wird uns erklärt, dass Kommunikation wichtig sei.
Das stimmt.
Kommunikation ist wichtig.
Sehr wichtig.
Aber vielleicht nicht 2,2 Millionen Euro wichtig.
Vor allem nicht in einer Zeit, in der man gleichzeitig jedem Bürger erzählt, dass künftig gespart werden müsse.
Das erinnert an einen Kapitän, der den Passagieren erklärt:
„Wir müssen die Mahlzeiten halbieren, um Kosten zu sparen.“
Während er selbst im Maschinenraum ein 14-Gänge-Menü bestellt.
Besonders beeindruckend ist die Größenordnung.
2,2 Millionen Euro.
Pro Jahr.
Freunde, dafür könnten viele Menschen ihre gesamte Lebensarbeitszeit verbringen.
Manche Kommunen finanzieren damit Projekte.
Andere sanieren Schulen.
Wieder andere reparieren Straßen.
In Berlin kauft man dafür offenbar ein besseres Image.
Ich stelle mir die Beratungsgespräche vor.
„Frau Ministerin, die Bürger finden die Reformen schwierig.“
„Was schlagen Sie vor?“
„Mehr Kommunikation.“
„Hilft das?“
„Für 2,2 Millionen Euro muss es helfen.“
„Und wenn nicht?“
„Dann brauchen wir mehr Kommunikation.“
Brillant.
Ein Geschäftsmodell, das sogar Druckerhersteller bewundern würden.
Das eigentlich Faszinierende ist aber die Symbolik.
Denn Politik lebt von Vertrauen.
Und Vertrauen entsteht selten dadurch, dass man den Menschen erklärt, warum sie mehr bezahlen sollen.
Während gleichzeitig Millionen für die Erklärung ausgegeben werden.
Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurant die Portionen halbieren und anschließend einen Sternekoch engagieren, der den Gästen erklärt, warum kleinere Portionen eigentlich ein Luxus sind.
Irgendwann merkt selbst der freundlichste Gast:
Moment mal.
Hier stimmt etwas nicht.
Und genau das ist der Kern des Problems.
Nicht die Existenz von Beratern.
Nicht einmal die Existenz von Kommunikationsagenturen.
Sondern die Reihenfolge der Prioritäten.
Wenn Bürger hören:
„Für Renten reicht das Geld nicht.“
Dann erwarten sie nicht unmittelbar danach die Meldung:
„Aber für millionenschwere Imagepflege schon.“
Wenn Bürger hören:
„Die Gesundheitsreform wird Einschnitte bringen.“
Dann erwarten sie nicht:
„Dafür erklären wir euch das mit einer PR-Kampagne, die mehr kostet als manche Freibäder.“
Die politische Logik dahinter ist faszinierend.
Je unpopulärer eine Maßnahme wird, desto mehr Geld fließt offenbar in die Erklärung, warum sie eigentlich beliebt sein sollte.
Das erinnert an einen Autohändler.
Das Auto springt nicht an.
Also investiert er nicht in den Motor.
Sondern in einen Werbefilm.
Der Motor bleibt kaputt.
Aber der Werbefilm gewinnt einen Kreativpreis.
Mission erfüllt.
Vielleicht erleben wir gerade die Geburt eines völlig neuen Politikmodells.
Früher lautete die Reihenfolge:
Problem lösen → Bürger zufrieden.
Heute scheint sie gelegentlich zu lauten:
Problem erklären → Berater zufrieden.
Natürlich ist das überspitzt.
Aber genau deshalb bleibt die Geschichte so bemerkenswert.
Denn die Bürger sind keineswegs dumm.
Sie können rechnen.
Vielleicht nicht auf Ministerialniveau.
Aber ausreichend.
Sie sehen steigende Belastungen.
Sie sehen Sparappelle.
Sie sehen Reformen.
Und dann sehen sie 2,2 Millionen Euro für Imageberatung.
Da entsteht automatisch die Frage:
Wenn so viel Geld für die Verpackung vorhanden ist, warum wirkt der Inhalt gleichzeitig so knapp kalkuliert?
Am Ende bleibt deshalb weniger die Frage nach der Rechtmäßigkeit solcher Ausgaben.
Sondern die Frage nach dem Signal.
Und das Signal lautet für viele Bürger vermutlich:
Für eure Renten müssen wir sparen.
Für eure Gesundheitsversorgung müssen wir sparen.
Für unser Image eher nicht.
Euer Ronald Tramp.
Der einzige Reporter Deutschlands, der für 2,2 Millionen Euro verspricht, jedem Bürger persönlich zu erklären, warum 2,2 Millionen Euro für Imageberatung vielleicht doch etwas viel Geld sind.

