Immer mehr Millionäre, immer größere Vermögen – während viele Bürger mit steigenden Preisen kämpfen. Ronald Tramp untersucht Deutschlands erstaunliche Zweiklassengesellschaft.
Von Ronald Tramp
Liebe Leser,
ich habe fantastische Nachrichten. Wirklich fantastische Nachrichten. Die besten Nachrichten überhaupt. Deutschland geht es hervorragend. Zumindest einem Teil Deutschlands.
Genauer gesagt: dem Teil, der beim Blick auf sein Konto nicht die App aktualisiert, sondern den Vermögensverwalter anruft.
Die Zahl der Millionäre in Deutschland ist laut aktuellen Berichten auf 1,8 Millionen Menschen gestiegen. Ein Plus von elf Prozent. Das Vermögen dieser beneidenswerten Spezies stieg sogar um fast 13 Prozent auf über sechs Billionen Euro.
Sechs Billionen.
Das ist eine Zahl, die so groß ist, dass normale Menschen sie nur kennen, weil sie gelegentlich in Science-Fiction-Filmen vorkommt.
Deutschland liegt damit weltweit auf Platz drei der Millionärsnationen.
Bronze für Deutschland!
Olympisches Edelmetall im Wettbewerb „Wer besitzt die meisten Menschen, die sich keinen Gedanken über Butterpreise machen müssen?“
Und während in Villenvierteln die Champagnerkorken durch die Luft fliegen, spielt sich auf der anderen Seite der Republik ein ganz anderes Schauspiel ab.
Dort wird inzwischen diskutiert, ob man den Urlaub lieber streicht oder das Heizen.
Beides wird langsam luxuriös.
Die Reichen werden reicher.
Die Armen werden kreativer.
Das nennt man vermutlich Innovationsförderung.
Besonders beeindruckend ist die Geschwindigkeit.
Weltweit entstanden innerhalb eines Jahres fast zwei Millionen neue Millionäre.
Fast zwei Millionen!
Offenbar wachsen Millionäre inzwischen schneller nach als Schlaglöcher auf deutschen Straßen.
Die Börsen feiern.
Die Vermögensberater feiern.
Die Privatbanker feiern.
Und irgendwo sitzt ein normaler Arbeitnehmer vor seiner Stromrechnung und fragt sich, ob er versehentlich einen kleinen Kernreaktor im Keller betreibt.
Doch keine Sorge.
Experten erklären regelmäßig, dass Wohlstand nach unten durchsickert.
Das sogenannte Trickle-Down-Prinzip.
Eine faszinierende Theorie.
Seit Jahrzehnten wartet die Bevölkerung darauf.
Es erinnert ein wenig an einen Wasserfall, bei dem das Wasser ausschließlich nach oben fließt.
Irgendwann, so heißt es, werde etwas unten ankommen.
Vielleicht.
Möglicherweise.
Eventuell.
Nach einer ausreichenden Anzahl von Jahrzehnten.
Währenddessen erleben wir eine erstaunliche Entwicklung.
Einige Menschen besitzen inzwischen so viel Vermögen, dass sie ihre Renditen nicht mehr zählen, sondern wie Wetterberichte betrachten.
"Wie lief die Woche?"
"Ach, ganz ordentlich. Dienstag plus drei Millionen. Mittwoch etwas schwächer."
Andere wiederum vergleichen im Supermarkt den Kilopreis von Nudeln mit der Ernsthaftigkeit internationaler Friedensverhandlungen.
Deutschland entwickelt sich zunehmend in zwei Geschwindigkeiten.
Auf der Überholspur fahren diejenigen, die Aktien besitzen.
Auf dem Standstreifen diejenigen, die versuchen, welche zu kaufen.
Und irgendwo dazwischen steht die Mittelschicht mit Warnblinkanlage und fragt sich, wann genau sie eigentlich falsch abgebogen ist.
Besonders interessant wird die Lage beim Thema Wohnen.
Für viele Menschen ist ein Eigenheim heute ungefähr so realistisch wie eine Bewerbung als König von Atlantis.
Während Investoren ganze Häuserblocks erwerben, diskutieren junge Familien darüber, ob sie sich vielleicht irgendwann ein Gartenhäuschen mit WLAN leisten können.
Früher hieß es:
"Spare fleißig, dann kannst du dir etwas aufbauen."
Heute lautet der Ratschlag eher:
"Versuche, vor dem nächsten Mietanstieg nicht ohnmächtig zu werden."
Natürlich wird gerne darauf hingewiesen, dass Vermögen nicht gleich Bargeld sei.
Das stimmt.
Niemand behauptet, Milliardäre würden morgens in einem Swimmingpool voller Münzen baden.
Dafür besitzen sie Aktien, Fonds, Immobilien, Beteiligungen und andere Vermögenswerte, die sich vermehren wie Hefeteig auf Steroiden.
Der normale Bürger besitzt dagegen meist einen Kühlschrank, dessen Inhalt immer schneller verschwindet als sein Gehalt.
Und so entsteht eine bemerkenswerte Parallelwelt.
Hier die Vermögenselite.
Dort die Menschen, die feststellen, dass ihr Lohn zwar steigt, aber die Preise offenbar an einem leistungsorientierten Bonusprogramm teilnehmen.
Man könnte fast meinen, Deutschland betreibe ein gesellschaftliches Experiment.
Die Fragestellung lautet:
"Wie groß kann die Schere zwischen Arm und Reich werden, bevor jemand versucht, sie als Brücke zu benutzen?"
Dabei geht es längst nicht mehr um Neid.
Niemand missgönnt einem Unternehmer seinen Erfolg.
Die eigentliche Frage lautet vielmehr:
Wie lange kann eine Gesellschaft stabil bleiben, wenn immer mehr Vermögen bei immer weniger Menschen landet?
Denn während Rekorde bei Millionären gefeiert werden, wächst gleichzeitig die Zahl jener, die jeden Monat rechnen müssen.
Während Vermögenswerte neue Höchststände erreichen, schrumpft vielerorts das Gefühl, am wirtschaftlichen Erfolg überhaupt noch beteiligt zu sein.
Vielleicht braucht Deutschland deshalb einen neuen Nationalfeiertag.
Den Tag des wirtschaftlichen Realitätsabgleichs.
Vormittags treffen sich Millionäre mit ihren Vermögensberatern.
Nachmittags besuchen sie eine durchschnittliche Supermarktkasse.
Einmal kurz die Perspektive wechseln.
Ein gesellschaftliches Austauschprogramm.
Mit Glück würden beide Seiten etwas lernen.
Die einen, wie teuer das Leben geworden ist.
Die anderen, wie viele Nullen auf ein Depotkonto passen.
Bis dahin bleibt Deutschland Weltmeister in einer Disziplin:
Das Vermögen wächst schneller als die Hoffnung, davon etwas abzubekommen.
Und falls sich der Trend fortsetzt, könnte bald jeder zweite Deutsche Millionär sein.
Zumindest jeder zweite Deutsche, der bereits einer ist.

