Die Wiener Festwochen wollten mit Peter Thiel über Armageddon, Antichrist und Politik diskutieren. Am Ende fiel nicht die Welt unter – sondern die Veranstaltung.
Von Ronald Tramp, dem einzigen Reporter, der schon vor dem Frühstück drei Weltuntergänge und zwei Kulturdebatten überlebt hat
Freunde, Kulturfans, Silicon-Valley-Milliardäre und Menschen, die bei einer Theaterveranstaltung normalerweise nicht mit dem Antichristen rechnen:
Österreich hat es wieder geschafft.
Das Land, das Mozart, Sachertorte und die Kunst perfektioniert hat, aus jeder Diskussion eine Staatsaffäre zu machen, erlebt derzeit die vermutlich größte Kulturkatastrophe seit dem Verbot, Wiener Schnitzel mit Ketchup zu bestellen.
Die Wiener Festwochen haben einen geplanten Diskussionsabend mit Peter Thiel abgesagt.
Nicht verschoben.
Nicht umgestaltet.
Nicht in einen größeren Saal verlegt.
Nein.
Komplett abgesagt.
Und zwar mit einer Wucht, als hätte jemand angekündigt, beim Opernball künftig Heavy Metal mit Motorsägen aufzuführen.
DIE NACHT, IN DER ARMAGEDDON AUSFIEL
Schon der Titel der Veranstaltung war ein Meisterwerk.
„Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik“
Allein dieser Titel klingt weniger nach Kulturveranstaltung und mehr nach einer Mischung aus Weltuntergangskonferenz, Vatikan-Sonderausschuss und Silicon-Valley-Investorenmeeting.
Normalerweise heißen Diskussionsabende:
„Demokratie im Wandel.“
Oder:
„Europa im 21. Jahrhundert.“
Nicht jedoch in Wien.
Dort dachte man offenbar:
„Warum klein denken? Nehmen wir direkt das Ende der Welt.“
EIN MANN, VIELE PROBLEME
Peter Thiel ist schließlich nicht irgendein Milliardär.
Der Mann gründete PayPal mit.
Er gründete Palantir.
Er investierte in Technologie.
Er unterstützte Donald Trump.
Er sammelt Staatsbürgerschaften offenbar schneller als andere Menschen Bonuskarten.
Und inzwischen besitzt er Berichten zufolge sogar eine Villa in Buenos Aires.
Kurz gesagt:
Wenn ein James-Bond-Bösewicht und ein Silicon-Valley-Investor ein gemeinsames LinkedIn-Profil hätten, sähe es vermutlich ähnlich aus.
DIE KÜNSTLER FLÜCHTEN
Doch dann begann etwas Bemerkenswertes.
Künstler sagten ihre Teilnahme ab.
Weitere Künstler sagten ab.
Noch mehr Künstler sagten ab.
Irgendwann sagten vermutlich sogar Künstler ab, die ursprünglich gar nicht eingeladen waren.
Die Lage eskalierte so stark, dass die Festwochen erklärten, die Absagen hätten inzwischen ein „untragbares Ausmaß“ erreicht.
Ein Ausdruck, der im Kulturbetrieb ungefähr dieselbe Bedeutung hat wie „kritischer Schaden“ in einem Computerspiel.
DIE GROSSE WIENER PANIK
Plötzlich diskutierte ganz Wien über Peter Thiel.
Menschen, die sich normalerweise über Parkplätze, Straßenbahnen oder die richtige Temperatur von Kaffee unterhalten, wurden über Nacht zu Experten für libertäre Philosophie, geopolitische Risiken und Apokalypse-Theologie.
In Kaffeehäusern hörte man Sätze wie:
„Ich halte seine Position zur Demokratie für problematisch.“
„Interessant, aber was bedeutet das für die Endzeit?“
„Und wie steht eigentlich der Antichrist zur Vermögenssteuer?“
DER MANN, DER VOR DEM ATOMKRIEG FLÜCHTET
Besonders faszinierend wurde die Geschichte, als Berichte auftauchten, wonach Thiel die USA verlassen wolle.
Warum?
Weil er angeblich Sorgen vor einem Atomkrieg hat.
Und weil er Vermögenssteuern nicht besonders mag.
Man muss diese Kombination würdigen.
Die meisten Menschen ziehen um, weil die Miete steigt.
Peter Thiel zieht um, weil möglicherweise die Welt untergeht und das Finanzamt gleichzeitig aktiv werden könnte.
Das ist Multitasking auf Milliardärsniveau.
ARGENTINIEN – DAS SILICON VALLEY DES WELTUNTERGANGS
Das Ziel seiner Träume scheint Argentinien zu sein.
Ein Land, das in dieser Geschichte die Rolle des weltweiten Notfallbunkers übernommen hat.
Dort hat Thiel bereits eine Villa.
Seine Kinder sollen dort zur Schule gehen.
Und sogar ein Schachclub wurde bereits getestet.
Das ist vermutlich die erste Auswanderungsgeschichte der Welt, bei der jemand gleichzeitig einen Atomkrieg, eine Vermögenssteuer und die Qualität lokaler Schachvereine bewertet.
PALANTIR UND DER BLICK IN DIE ZUKUNFT
Besonders ironisch ist, dass Thiel Mitgründer von Palantir ist.
Allein der Name klingt bereits wie ein magischer Kristall aus einem Fantasy-Roman.
Ein Werkzeug, mit dem man angeblich in die Zukunft blicken kann.
Und genau das scheint hier passiert zu sein.
Vielleicht hat jemand in eine Kugel geschaut und gesehen:
„Die Veranstaltung wird abgesagt.“
„Warum?“
„Zu viele Menschen regen sich auf.“
„Und was machen wir dagegen?“
„Wir sagen sie vorher ab.“
DIE GROSSE FRAGE
Am Ende bleibt die wichtigste Frage unbeantwortet:
Was wäre eigentlich passiert, wenn die Veranstaltung stattgefunden hätte?
Hätte Peter Thiel seine Ansichten erklärt?
Hätte das Publikum ihn herausgefordert?
Hätte jemand tatsächlich über Armageddon gesprochen?
Oder wäre die Diskussion nach fünf Minuten bei Immobilienpreisen in Buenos Aires gelandet?
Wir werden es niemals erfahren.
DAS FINALE DER ABSURDITÄT
So endet eine der bemerkenswertesten Kulturgeschichten des Jahres.
Ein Abend über Weltuntergang, Theologie, Politik und Peter Thiel wurde abgesagt, weil die Aufregung über den Abend fast größer wurde als der Abend selbst.
Das ist eine Leistung.
Viele Veranstaltungen scheitern an schlechter Planung.
Andere an fehlendem Publikum.
Diese Veranstaltung scheiterte daran, dass sie bereits vor Beginn erfolgreicher skandalisiert wurde als die meisten Veranstaltungen nach ihrem Ende.
Und irgendwo sitzt Peter Thiel vermutlich in seiner Villa in Buenos Aires, spielt Schach, blickt auf die Weltkarte und denkt sich:
„Vielleicht war Armageddon doch nicht in Wien.“
Vielleicht war Armageddon die Veranstaltungsplanung.

