Neues Bürgeramt, neue Regeln: Termine gibt es nur jeden dritten Vollmond zwischen 03:14 und 03:19 Uhr. Ronald Tramp untersucht das Verwaltungswunder.
Ronald Tramp berichtet über den ersten Behördengang, für den Astronomiekenntnisse erforderlich sind.
Meine Freunde, viele Menschen glauben, deutsche Behörden seien kompliziert.
Diese Menschen sind Optimisten.
Denn was jetzt vorgestellt wurde, hebt die öffentliche Verwaltung auf ein völlig neues Niveau. Ein neues Bürgeramt öffnet künftig nur jeden dritten Vollmond.
Jeden.
Dritten.
Vollmond.
Und Termine können ausschließlich zwischen 03:14 Uhr und 03:19 Uhr über ein Online-Portal aus dem Jahr 2004 gebucht werden.
Als ich davon hörte, dachte ich zunächst an Satire.
Dann fiel mir ein, dass wir über Verwaltung sprechen.
Plötzlich klang alles erstaunlich plausibel.
Deutschland hat es geschafft, Bürokratie und Astrologie miteinander zu vereinen.
Ein historischer Moment.
Künftig reicht es nicht mehr, einen Personalausweis zu beantragen.
Nein.
Man benötigt zusätzlich:
einen Mondkalender,
ein Teleskop,
Grundkenntnisse der Himmelsmechanik,
und vermutlich einen Schamanen.
Experten sprechen bereits vom ersten vollständig spirituellen Verwaltungsverfahren Europas.
Die Terminvergabe selbst gilt als Meisterwerk deutscher Ingenieurskunst.
Das Portal stammt aus dem Jahr 2004.
Eine Zeit, in der Menschen Klingeltöne kauften.
MP3-Player als Zukunftstechnologie galten.
Und Internet Explorer von vielen noch als mutige Entscheidung angesehen wurde.
Wer das Portal öffnet, erlebt eine Reise in die Vergangenheit.
Es dauert zunächst acht Minuten, bis die Startseite geladen ist.
Dann erscheint ein Hinweis:
„Bitte verwenden Sie Netscape Navigator 7.0.“
Wer keinen besitzt, muss ihn vermutlich auf einer archäologischen Grabung ausbuddeln.
Anschließend beginnt der eigentliche Wettbewerb.
Denn die Buchung ist nur zwischen 03:14 Uhr und 03:19 Uhr möglich.
Fünf Minuten.
Ganz Deutschland gegen fünf Minuten.
Die Hunger Games der öffentlichen Verwaltung.
Menschen stellen sich bereits Wecker.
Familien organisieren Nachtschichten.
IT-Abteilungen werden mobilisiert.
Und irgendwo sitzt ein Bürger mit drei Laptops, zwei Tablets und einem Ersatzrouter bereit.
03:13 Uhr.
Der Puls steigt.
03:14 Uhr.
Das Portal reagiert nicht.
03:15 Uhr.
Fehlermeldung.
03:16 Uhr.
Server überlastet.
03:17 Uhr.
„Bitte versuchen Sie es später erneut.“
03:18 Uhr.
Verzweiflung.
03:19 Uhr.
„Keine Termine verfügbar.“
Deutschland funktioniert.
Besonders beeindruckend ist die wissenschaftliche Grundlage.
Warum jeder dritte Vollmond?
Warum nicht jeder zweite?
Warum nicht jeder vierte?
Weil man sich offensichtlich dachte:
„Wenn wir schon kompliziert werden, dann richtig.“
Insider berichten, dass ursprünglich jeder siebte Halbmond geplant war.
Das wurde jedoch als zu benutzerfreundlich abgelehnt.
Die Vorteile liegen auf der Hand.
Durch die seltenen Öffnungszeiten sinken die Wartezeiten im Amt drastisch.
Genauer gesagt auf null.
Denn niemand kommt hinein.
Eine brillante Lösung.
Man könnte dieses Konzept auf andere Bereiche übertragen.
Krankenhäuser öffnen nur bei Sonnenfinsternis.
Finanzämter arbeiten ausschließlich während Meteoritenschauern.
Autobahnen werden bei Jupiter-Konjunktion freigegeben.
Deutschland wäre weltweit führend.
Natürlich verteidigt die Behörde das neue Modell.
Man wolle Verwaltung neu denken.
Bürgerfreundlicher.
Digitaler.
Moderner.
Das sind dieselben drei Wörter, die deutsche Behörden seit ungefähr 25 Jahren verwenden, unmittelbar bevor etwas komplizierter wird.
Doch die Digitalisierung spielt eine zentrale Rolle.
Das alte Portal verfügt über modernste Technologien.
Java-Applets.
Flash-Elemente.
Pop-up-Fenster.
Und mindestens zwölf Passwörter.
Wer sich erfolgreich anmeldet, erhält zur Belohnung eine PDF-Datei.
Diese muss ausgedruckt, unterschrieben, eingescannt und per Fax bestätigt werden.
Tradition ist schließlich wichtig.
Auch die Vorbereitung auf den Termin wurde überarbeitet.
Bürger müssen künftig folgende Unterlagen mitbringen:
Personalausweis.
Geburtsurkunde.
Meldebescheinigung.
Terminbestätigung.
Nachweis über den aktuellen Mondstand.
Und vorsorglich eine Opfergabe für den Servergott.
Man weiß ja nie.
Die ersten Erfahrungsberichte sind beeindruckend.
Ein Bürger aus Nordrhein-Westfalen berichtete, er habe nach nur neun Monaten Vorbereitungszeit tatsächlich einen Termin erhalten.
Ein anderer soll vor Freude geweint haben, nachdem das Portal lediglich drei statt sieben Fehlermeldungen ausgegeben hatte.
Ein dritter wurde bereits als lokale Legende verehrt, nachdem er es geschafft hatte, seine Adresse umzumelden.
Historiker vergleichen seine Leistung mit der Erstbesteigung des Mount Everest.
Dabei zeigt dieses Projekt vor allem eines:
Die deutsche Verwaltung denkt groß.
Andere Länder setzen auf künstliche Intelligenz.
Deutschland setzt auf Mondphasen.
Andere Länder entwickeln digitale Bürgerdienste.
Deutschland entwickelt Abenteuer.
Ich, Ronald Tramp, kann diese Entwicklung nur begrüßen.
Denn endlich erhält der Behördengang den Nervenkitzel, der ihm jahrzehntelang gefehlt hat.
Wer künftig einen Reisepass beantragen möchte, erlebt nicht mehr nur Verwaltung.
Er erlebt eine Expedition.
Eine Prüfung.
Eine spirituelle Reise.
Und wenn irgendwann tatsächlich jemand einen Termin bekommt, wird er nicht mehr als Bürger bezeichnet.
Sondern als Auserwählter.
Und irgendwo in einem Amt wird ein Sachbearbeiter ehrfürchtig flüstern:
„Er hat es geschafft. Der Vollmond war mit ihm.“

