Ein Bankräuber fragt ChatGPT, lässt sein Gesicht filmen, präsentiert sein Kennzeichen, geht mit der Beute shoppen, verliert Geld auf der Flucht und übergibt schließlich sein Handy der Polizei. Ronald Tramp untersucht einen Kriminalplan, bei dem die künstliche Intelligenz eindeutig nicht das größte Problem war.
Es gibt Bankräuber, die planen monatelang. Sie studieren Fluchtwege, beobachten Wachpersonal, besorgen Masken, wechseln Fahrzeuge und entwickeln komplizierte Alibis. Und dann gibt es offenbar eine neue Generation von Verbrechensstrategen, bei denen schon die Frage „Sollte ich beim Banküberfall mein Gesicht verstecken?“ als intellektuelle Premiumfunktion gilt.
Meine Damen und Herren, hier spricht Ronald Tramp, Ihr Reporter für künstliche Intelligenz, natürliche Dummheit und jene seltenen Momente, in denen beide Technologien miteinander kollidieren.
Und wir haben heute einen ganz besonderen Fall.
Einen fantastischen Fall.
Vielleicht einen der am schlechtesten geheim gehaltenen Banküberfälle aller Zeiten.
Ein 23-Jähriger wurde zu gut zehn Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er eine Bank überfallen und dabei rund 9.175 Dollar erbeutet hatte. Das allein wäre noch keine internationale Bewerbung für den Darwin-Award der Kriminalistik. Interessant wird es dadurch, dass der Mann vor seiner Tat offenbar ChatGPT zurate zog.
Ja!
Künstliche Intelligenz!
Die Technologie, von der manche Menschen glauben, sie werde eines Tages die Menschheit übernehmen.
Nach dieser Geschichte dürfen wir zumindest hoffen, dass sie vorher ihre Benutzer überprüft.
„ChatGPT, wie schnell kommt eigentlich die Polizei?“
Der junge Mann soll sich unter anderem darüber informiert haben, wie schnell die Polizei nach einem Banküberfall eintreffen könnte.
Eine wichtige Frage.
Eine sehr wichtige Frage.
Vielleicht sogar die zweitwichtigste Frage nach:
„Wäre eine Maske möglicherweise eine interessante Innovation?“
Denn der Mann betrat die Bank offenbar unmaskiert.
UNMASKIERT!
Banküberfall 2.0, meine Freunde. Gesichtserkennung nicht bekämpfen – Gesicht einfach kostenlos zur Verfügung stellen.
Die Sicherheitskameras mussten nicht einmal künstliche Intelligenz einsetzen. Keine biometrische Hochleistungsanalyse. Kein CIA-Satellit. Kein Speziallabor.
Die Kamera musste lediglich eingeschaltet sein.
Da stand unser mutmaßlicher Professor Moriarty der Gegenwart mit seinem Gesicht vor der Linse und bedrohte Bankangestellte mit einer Pistole.
Man kann sich den Sicherheitsmitarbeiter bei der späteren Videoauswertung wunderbar vorstellen:
„Können Sie das Bild vergrößern?“
„Nicht nötig.“
„Gesichtserkennung?“
„Auch nicht.“
„Spezialsoftware?“
„Nein.“
„Was brauchen wir?“
„Augen.“
Fantastische Ermittlungsarbeit!
Die Pistole braucht technischen Support
Doch unser krimineller Innovationsmanager hatte noch ein Problem: Offenbar wollte er sich auch darüber informieren, wie seine Pistole repariert werden könne.
Das ist bemerkenswert.
Früher hatten Bankräuber einen Fluchtfahrer.
Heute brauchen sie offenbar einen Helpdesk.
„Willkommen beim technischen Support für Entscheidungen, die Sie dringend überdenken sollten. Für Druckerprobleme drücken Sie die Eins. Für WLAN drücken Sie die Zwei. Wenn Sie gerade planen, mit einer kaputten Pistole unmaskiert eine Bank zu betreten, legen Sie bitte auf und überdenken Sie sämtliche Entscheidungen seit Ihrer Einschulung.“
Aber unser Held der strategischen Kurzstrecke ließ sich nicht aufhalten.
Er ging zur Bank.
Mit seinem Gesicht.
Seiner Waffe.
Und einem Plan, dessen Sicherheitskonzept vermutlich aus dem Satz bestand:
„Wird schon.“
Fluchtauto mit praktischer Visitenkarte
Nach dem Überfall wurde auch sein Fahrzeug von Kameras aufgenommen.
Natürlich.
Und weil Diskretion offensichtlich nicht zu den Kernkompetenzen dieses Unternehmens gehörte, war auch das Kennzeichen erkennbar.
Großartig!
Andere Täter wechseln Kennzeichen.
Andere benutzen gestohlene Fahrzeuge.
Andere vermeiden Kameras.
Dieser Mann sagte sinngemäß:
„Warum kompliziert? Das Kennzeichen ist schließlich dafür da, dass man weiß, wem das Auto gehört.“
Das ist Kundenorientierung gegenüber den Ermittlungsbehörden.
Service!
Transparenz!
Bürgernähe!
Wenn es dafür ein Qualitätssiegel gäbe, hätte die Polizei vermutlich fünf Sterne vergeben.
Und jetzt: Shopping!
Doch nach dem erfolgreichen Erwerb von ungefähr 9.175 Dollar begann offenbar Phase zwei der Operation: Einzelhandel.
Videoaufzeichnungen mehrerer Geschäfte in einem Einkaufszentrum sollen ihn beim Einkaufen mit Bargeld gezeigt haben.
Natürlich.
Denn was macht man nach einem Banküberfall?
A: Untertauchen.
B: Das Geld verstecken.
C: Unauffällig bleiben.
D: Shoppingtour unter Kameras.
Unser Kandidat nimmt D!
Herzlichen Glückwunsch!
Sie haben eine zehnjährige Reise gewonnen. Unterkunft inklusive. Verpflegung inklusive. Das Zimmerangebot ist allerdings überschaubar.
Man muss diese Konsequenz bewundern. Wenn schon Kameras, dann richtig. Bankkamera, Straßenkamera, Ladenkamera – vermutlich fehlte nur noch ein Livestream mit dem Titel:
„MEIN ERSTER BANKRAUB – IHR GLAUBT NICHT, WAS DANACH PASSIERTE!!!“
Die große Flucht mit Geldregen
Als der 23-Jährige später Polizisten in der Nähe seines Zuhauses bemerkte, soll er davongerannt sein.
Eine ausgezeichnete Methode, um völlig unverdächtig zu wirken.
Nichts sagt überzeugender „Ich habe überhaupt nichts mit dieser Sache zu tun“ als ein spontaner Sprint beim Anblick der Polizei.
Doch dabei geschah etwas Großartiges.
Er ließ offenbar ein Bündel Geld fallen.
Meine Freunde, das ist keine Flucht mehr.
Das ist Hänsel und Gretel für Ermittler.
Nur statt Brotkrumen:
Banknoten.
„Wo könnte der Verdächtige hingelaufen sein?“
„Keine Ahnung, Chef.“
„Folgen wir vielleicht dem Geld?“
GENIAL!
Sherlock Holmes hätte seine Pfeife weggelegt und gesagt: „Das ist mir zu einfach.“
Und dann kam das Telefon
Doch jetzt erreichen wir den Höhepunkt.
Nach seiner Festnahme bestritt der Mann laut Staatsanwaltschaft seine Beteiligung.
Natürlich!
„Ich? Banküberfall? Niemals!“
Das Gesicht auf den Aufnahmen?
Zufall.
Das Auto?
Zufall.
Das Kennzeichen?
Sehr großer Zufall.
Shopping mit Bargeld?
Kapitalismus!
Weglaufen vor Polizisten?
Cardio!
Das heruntergefallene Geld?
Umweltschutzproblem!
Und dann soll der Mann den Ermittlern Zugriff auf sein Telefon gestattet haben.
Meine Damen und Herren:
Auf.
Sein.
Telefon.
Dort fanden die Ermittler demnach auch seine ChatGPT-Unterhaltungen zur Vorbereitung der Tat.
Das ist der Moment, an dem selbst das Smartphone vermutlich versucht hat, sich auszuschalten.
Die Ermittler mussten offenbar keinen Supercomputer hacken. Keine Verschlüsselung knacken. Kein geheimes Darknet infiltrieren.
Sie bekamen Zugang.
Frei Haus.
Der digitale Beweismittel-Lieferservice.
Man stelle sich das Verhör vor:
„Sie bestreiten den Überfall?“
„Absolut.“
„Ist das Ihr Auto?“
„Vielleicht.“
„Ist das Ihr Gesicht?“
„Ähnlichkeit.“
„Ist das Ihr Telefon?“
„Ja.“
„Und warum steht hier sinngemäß eine Unterhaltung über Aspekte eines Banküberfalls?“
„…“
An dieser Stelle hätte wahrscheinlich sogar eine Zimmerpflanze nach einem Anwalt verlangt.
121 Monate für 9.175 Dollar
Das Ergebnis: 37 Monate Haft für den Überfall und weitere 84 Monate wegen der Drohung mit einer Waffe.
Zusammen 121 Monate.
Gut zehn Jahre.
Für ungefähr 9.175 Dollar Beute.
Rechnerisch sind das etwa 75,83 Dollar Beute pro Monat Haft – und da haben wir weder Steuern noch Inflation noch die mutmaßlichen Shoppingausgaben berücksichtigt.
Das ist vermutlich eine der schlechtesten Renditen seit der Erfindung von NFTs mit Hamsterbildern.
Und deshalb lautet die wichtigste Erkenntnis dieser Geschichte nicht, dass künstliche Intelligenz gefährlich ist.
Nein.
Die eigentliche Erkenntnis lautet:
Künstliche Intelligenz kann natürliche Dummheit nicht zuverlässig kompensieren.
Du kannst Zugriff auf moderne Technologie haben. Du kannst Informationen suchen. Du kannst Fragen stellen. Du kannst ein Smartphone besitzen.
Aber wenn dein Gesamtplan anschließend lautet:
Unmaskiert zur Bank → eigenes Auto → Kennzeichen filmen lassen → Bargeldshopping → vor Polizei wegrennen → Geld verlieren → Handy freiwillig freigeben → Tat bestreiten,
dann ist nicht die KI das schwächste Glied der Prozesskette.
Dann sitzt das Problem ungefähr 40 Zentimeter vor dem Display.
Ronald Tramp sagt deshalb:
Wir brauchen keine Angst vor einer KI, die eines Tages intelligenter wird als der Mensch.
Wir sollten uns eher Gedanken über Menschen machen, die mit Hochtechnologie bewaffnet trotzdem einen Banküberfall planen wie einen Kindergeburtstag, bei dem jemand vergessen hat, die Kinder einzuladen.
ChatGPT kann vieles.
Texte schreiben.
Informationen erklären.
Ideen strukturieren.
Aber eines kann selbst die modernste KI offenbar nicht:
Dir rechtzeitig eine Maske über die Dummheit ziehen.
Und das, meine Freunde, wäre vermutlich die wichtigste Sicherheitsfunktion von allen.

