Die große KI-Entlassungswelle bleibt bislang aus. Stattdessen verschwinden Juniorstellen lautlos. Ronald Tramp erklärt, warum Erfahrung plötzlich wieder modern ist und Nachwuchs zur bedrohten Spezies im Großraumbüro wird.
Von Ronald Tramp, dem einzigen Reporter, dessen Beruf offenbar noch nicht automatisiert wurde, weil keine Maschine freiwillig so viel Unsinn gleichzeitig denken möchte
Meine Damen, meine Herren und alle Berufseinsteiger, die gerade versuchen, auf LinkedIn „offen für neue Herausforderungen“ so zu formulieren, dass es nicht klingt wie „BITTE HELFT MIR“: Wir müssen reden.
Über Künstliche Intelligenz.
Über Jobs.
Und über diese fantastische neue Arbeitswelt, in der niemand massenhaft entlassen wird – man stellt die jungen Leute einfach gar nicht erst ein.
Genial!
Wirklich genial.
Früher musste ein Unternehmen noch jemanden beschäftigen, ihm einen Schreibtisch geben, ihn einarbeiten, ihm vielleicht sogar Kaffee hinstellen und dann irgendwann unter großen Schmerzen erklären: „Kevin, leider müssen wir uns von dir trennen.“
Heute ist die Sache viel eleganter.
Kevin kommt gar nicht erst rein.
Kein Kündigungsgespräch. Keine Abfindung. Kein Abschiedskuchen. Kein unangenehmes Herumstehen neben der Kaffeemaschine.
Kevin existiert betriebswirtschaftlich einfach nicht.
Das nennt man Fortschritt.
Die große Jobkatastrophe, die gar keine ist – außer für Kevin
Eine aktualisierte Untersuchung des Stanford Digital Economy Lab hat nämlich etwas Erstaunliches festgestellt: Die befürchtete große KI-Entlassungsapokalypse ist bislang ausgeblieben.
Großartige Nachricht!
Konfetti!
Champagner!
Die Gesamtbeschäftigung stieg im untersuchten Zeitraum sogar um sechs Prozent. Selbst in Berufen, die besonders stark von KI betroffen sind, gab es noch vier Prozent Wachstum.
Das klingt zunächst fantastisch.
Bis man die jungen Leute fragt.
Bei den 22- bis 25-Jährigen in besonders KI-gefährdeten Berufen sank die Beschäftigung seit dem Start von ChatGPT im November 2022 nämlich um rund elf Prozent.
Elf Prozent!
In wenig KI-betroffenen Berufen derselben Altersgruppe stieg sie dagegen um etwa zehn Prozent.
Mit anderen Worten: Wer als junger Mensch einen Job gewählt hat, den eine KI halbwegs überzeugend nachmachen kann, bekommt vom Arbeitsmarkt derzeit ungefähr dieselbe Begrüßung wie ein Staubsaugervertreter auf einer Dyson-Messe.
„Danke, wir haben schon etwas.“
Die Lücke liegt inzwischen bei rund 19 Prozent.
Im Sommer 2025 waren es noch 15 Prozent.
Die Schere geht also auf.
Und sie geht nicht langsam auf.
Sie macht inzwischen den Eindruck, als würde sie demnächst selbst eine Karriere im Management beginnen.
Senioren entdecken plötzlich ihre Liebe zur Digitalisierung
Besonders interessant ist, dass erfahrene Beschäftigte offenbar deutlich besser mit der KI-Revolution zurechtkommen.
Natürlich tun sie das.
Ein Mitarbeiter mit 25 Jahren Berufserfahrung nutzt KI nämlich ungefähr so:
„Schreib mir bitte einen Entwurf, aber berücksichtige dabei die Besonderheiten von Kunde Müller, die Rechtsprechung aus 2023, unsere interne Richtlinie 7.4 und die Tatsache, dass der Vorstand bei dem Thema seit Weihnachten nervös ist.“
Der Berufseinsteiger sagt dagegen:
„Bitte fasse dieses PDF zusammen.“
Und genau in diesem Moment denkt irgendein Controller:
Moment mal.
Warum bezahlen wir eigentlich jemanden dafür?
Das ist das Problem.
Erfahrene Fachkräfte besitzen etwas, das in vielen Firmen plötzlich wieder unglaublich sexy geworden ist:
Erfahrung.
Wissen.
Kontext.
Urteilsfähigkeit.
Diese ganzen langweiligen Dinge, von denen uns jahrelang erzählt wurde, sie seien völlig überbewertet, weil die Zukunft aus „Agilität“, „Mindset“ und Menschen besteht, die auf Konferenzen vor riesigen LED-Wänden das Wort „DISRUPTION“ sagen.
Jetzt stellt sich heraus:
Fachwissen ist vielleicht doch ganz praktisch.
Überraschung!
Die Junior-Stelle verschwindet lautlos
Besonders raffiniert läuft der Wandel deshalb über Neueinstellungen.
Die KI kommt nicht mit einem Terminator in die Buchhaltung und sagt:
„Hasta la vista, Sachbearbeiter.“
Nein.
Das wäre wenigstens spektakulär.
Stattdessen passiert etwas viel Deutscheres, viel Amerikanischeres und vor allem viel betriebswirtschaftlicheres:
Die Stelle wird einfach nicht mehr ausgeschrieben.
Niemand wird gefeuert.
Niemand protestiert.
Keine Kameras.
Keine Gewerkschaft vor dem Werkstor.
Nur irgendwo in einer Excel-Tabelle wird aus einer geplanten Stelle eine Null.
Herrlich unsichtbar.
Das ist wie ein Geisterhaus für Personaler.
Man hört nachts noch leise die Stellenanzeige flüstern:
„Junior Analyst gesucht …“
Und plötzlich ist sie weg.
Der fantastischste Karriereplan aller Zeiten
Besonders großartig ist die Ironie, dass ausgerechnet Berufseinsteiger KI offenbar besonders intensiv verwenden.
Natürlich tun sie das!
Man hat ihnen doch jahrelang gesagt:
„Ihr müsst KI-Kompetenz haben!“
„Prompting ist die Zukunft!“
„Wer KI nicht nutzt, wird ersetzt!“
Also nutzen sie KI.
Sehr intensiv.
Und anschließend sagt das Unternehmen:
„Beeindruckend. Die Maschine kann offenbar einen großen Teil deiner Arbeit erledigen.“
Das ist ungefähr so, als würde man einem Truthahn beibringen, wie man einen Backofen vorheizt, und ihn anschließend für seine hervorragende Digitalkompetenz loben.
Fantastische Karriereberatung.
Junge Arbeitnehmer automatisieren ihre Aufgaben effizienter, während irgendein Vorstand fünf Stockwerke weiter oben begeistert feststellt:
„Wunderbar! Dann brauchen wir weniger junge Arbeitnehmer.“
Das ist Innovation.
Silicon Valley nennt das vermutlich „Self-Service Workforce Optimization“.
Früher nannte man es: sich selbst wegrationalisieren.
Willkommen in der Erfahrungspipeline ohne Pipeline
Langfristig könnte das allerdings ein kleines Problem verursachen.
Nur ein winziges.
Kaum erwähnenswert.
Nämlich:
Wenn Unternehmen keine Anfänger mehr einstellen – woher kommen dann später die erfahrenen Fachkräfte?
Interessante Frage!
Stellen wir uns eine Firma im Jahr 2040 vor.
Der Vorstand ruft:
„Wir brauchen dringend einen Experten mit 20 Jahren Erfahrung!“
Die Personalabteilung antwortet:
„Sehr gern. Allerdings haben wir seit 2026 niemanden mehr ausgebildet.“
„Warum nicht?“
„Effizienz.“
„Und jetzt?“
„Jetzt haben wir ein Problem.“
„Kann die KI helfen?“
„Sie empfiehlt, erfahrene Fachkräfte einzustellen.“
Brillant.
Das System hat sich selbst geschlossen.
Wir wollen Seniors, bilden aber keine Juniors mehr aus.
Das ist, als würde ein Fußballverein seine Jugendmannschaft abschaffen und zehn Jahre später überrascht feststellen:
„Komisch, irgendwie fehlen uns Profis.“
International ist man bereits begeistert dabei
Und selbstverständlich ist dieses Phänomen nicht auf die USA beschränkt.
Nein!
Wir haben Globalisierung!
Wenn wir wirtschaftliche Probleme entwickeln, dann bitte international!
Auch aus Südkorea werden starke Verschiebungen in KI-intensiven Branchen gemeldet. Junge Beschäftigte verlieren dort offenbar deutlich stärker Arbeitsplätze, während ältere Beschäftigte teilweise zulegen.
Das ist beeindruckend.
Zum ersten Mal in der Geschichte könnte ein 58-jähriger Büroarbeiter seinem 23-jährigen Sohn sagen:
„Du verstehst eben die neue Technologie nicht.“
Und damit meint er:
„Ich weiß genug über meinen Job, damit die KI mir hilft, während du hauptsächlich Dinge machst, die die KI selbst erledigt.“
Deutschland macht natürlich ebenfalls mit.
Unternehmen rechnen mit Druck auf Einstiegslöhne, insbesondere bei jungen Menschen ohne akademischen Abschluss.
Natürlich.
Denn wenn Maschinen produktiver werden, gibt es zwei klassische Möglichkeiten:
A) Arbeitnehmer verdienen mehr.
B) Irgendjemand erklärt den Arbeitnehmern, warum sie jetzt leider weniger verdienen müssen.
Sie dürfen raten, welche Variante erfahrungsgemäß schneller umgesetzt wird.
Prompt Engineering rettet uns alle!
Vor einigen Jahren wurde übrigens ernsthaft so getan, als könne „Prompt Engineering“ möglicherweise der neue große Karriereweg werden.
Man müsse nur lernen, der KI besonders raffinierte Fragen zu stellen.
Fantastisch.
Nach dieser Logik wäre jemand, der Google hervorragend bedienen kann, automatisch Professor für Kernphysik.
„Herr Doktor, können Sie den Reaktor reparieren?“
„Nein, aber ich habe eine wirklich gute Suchanfrage.“
Leider zeigt sich nun etwas sehr Altmodisches:
Fachwissen bleibt wichtig.
Extrem wichtig.
Vielleicht sogar wichtiger als vorher.
Denn je besser eine Maschine Standardaufgaben erledigt, desto wertvoller wird der Mensch, der beurteilen kann, ob das Ergebnis hervorragend, mittelmäßig oder kompletter digitaler Kartoffelsalat ist.
Das ist die wahre Revolution.
Nicht:
Mensch gegen Maschine.
Sondern:
Mensch mit Ahnung plus Maschine gegen Mensch ohne Ahnung plus Maschine.
Und das zweite Team sieht derzeit nicht besonders gut aus.
Ronald Tramps fantastischer Zukunftsplan
Deshalb habe ich natürlich einen Plan.
Einen hervorragenden Plan.
Vielleicht den besten Arbeitsmarktplan aller Zeiten.
Wir schaffen einfach eine neue Berufsgruppe:
Senior Junior Expert.
Voraussetzungen:
22 Jahre alt.
Mindestens 15 Jahre Berufserfahrung.
Drei abgeschlossene Transformationsprojekte.
Kenntnisse in SAP, Python, KI, Quantencomputing, Controlling, Arbeitsrecht und Kaffeemaschinenentkalkung.
Gehaltsvorstellung: Praktikant.
Arbeitszeit: flexibel zwischen 7 und 23 Uhr.
Benefits: Obstkorb.
Das dürfte ungefähr dem entsprechen, was manche Personalabteilungen ohnehin bereits suchen.
Und so marschieren wir hinein in die fantastische KI-Zukunft.
Eine Zukunft, in der niemand entlassen wird, weil niemand eingestellt wurde.
Eine Zukunft, in der junge Menschen KI benutzen sollen, aber bitte nicht so erfolgreich, dass auffällt, wie viel ihrer Arbeit automatisierbar ist.
Und eine Zukunft, in der Unternehmen irgendwann verzweifelt nach erfahrenen Spezialisten suchen werden, nachdem sie jahrelang vergessen haben, dass erfahrene Spezialisten früher einmal unerfahrene Anfänger waren.
Ich bin Ronald Tramp.
Und ich sage:
Die KI hat den Berufseinstieg nicht abgeschafft.
Sie hat ihn lediglich optimiert.
Auf null.
Fantastisch.

