Früher bestimmten Ölpreise und Steuern den Spritpreis. Heute entscheidet offenbar die Angst vor einem Hashtag. Ronald Tramp berichtet exklusiv über die Republik, in der Twitter inzwischen mächtiger ist als der Zapfhahn.
Meine Damen und Herren...
Ich dachte wirklich, ich hätte inzwischen alles gesehen.
Regierungen fallen.
Koalitionen zerbrechen.
Minister wechseln schneller als Winterreifen.
Aber jetzt erleben wir etwas völlig Neues.
Deutschland wird offenbar nicht mehr von Politikern regiert.
Nicht von Ministerien.
Nicht von Experten.
Nein.
Von Kommentaren im Internet.
Es ist offiziell.
Der Spritpreis steigt offenbar nicht sofort, weil... Trommelwirbel...
...jemand einen Shitstorm befürchtet.
Meine Damen und Herren...
Das ist der größte politische Durchbruch seit der Erfindung des Wut-Emojis.
Früher bestimmte der Ölpreis den Benzinpreis.
Dann kamen Steuern.
Dann der Weltmarkt.
Heute reicht offenbar ein wütender Kommentar mit drei Flammen-Emojis.
"😡🔥🔥"
Und sofort zittern internationale Konzerne.
Ich liebe diese Entwicklung.
Sie ist wunderbar absurd.
Ich stelle mir die Vorstandssitzung eines Mineralölkonzerns ungefähr so vor.
"Chef, wir müssen die Preise erhöhen."
"Geht nicht."
"Warum?"
"Kevin aus Castrop-Rauxel hat bereits geschrieben: 'Frechheit!!!'"
"Verdammt. Sitzung beendet."
Fantastisch.
Die Börsenkurse schwanken inzwischen vermutlich nach der Anzahl empörter Facebook-Kommentare.
Der DAX interessiert niemanden mehr.
Entscheidend ist:
Wie viele Großbuchstaben enthält der erste Shitstorm?
Ab zehn Ausrufezeichen wird die Preisstrategie verschoben.
Ab zwanzig gibt es Krisensitzung.
Ab dreißig erscheint der Vorstand persönlich bei TikTok.
Natürlich spielt dabei die berühmte 12-Uhr-Regel eine Hauptrolle.
Allein dieser Name klingt bereits wie ein streng geheimes NATO-Projekt.
Operation High Noon.
Agenten treffen sich.
Hubschrauber kreisen.
Satelliten beobachten jede Zapfsäule.
Doch tatsächlich geht es lediglich darum, wann Tankstellen ihre Preise ändern dürfen.
Deutschland eben.
Nur wir schaffen es, aus einer Uhrzeit ein bürokratisches Abenteuer zu machen.
Die Tankstellenbetreiber beklagen nun, dass zwischen zwölf und vierzehn Uhr praktisch niemand mehr tankt.
Natürlich nicht.
Wer würde freiwillig genau dann tanken, wenn Deutschland kollektiv auf die nächste Preisänderung wartet?
Mittags sieht eine Tankstelle inzwischen wahrscheinlich aus wie eine Geisterstadt.
Der Kassierer spielt Solitär.
Die Zapfsäulen langweilen sich.
Ein Mülleimer führt Selbstgespräche.
Und irgendwo fragt ein belegtes Brötchen:
"Kommt heute überhaupt noch jemand?"
Doch Punkt 14 Uhr beginnt das große Schauspiel.
Autos tauchen plötzlich aus allen Richtungen auf.
Menschen starren auf Preisanzeigen wie Börsenhändler auf Aktienkurse.
Ein Fahrer ruft:
"Nur noch drei Cent!"
Ein anderer schreit:
"Los! Noch schnell tanken!"
Die Zapfsäulen erleben mehr Action als manche Freizeitparks.
Ich sehe bereits die nächsten Apps.
TankTok.
Dort streamen Influencer live von Zapfsäule Nummer vier.
"Freunde, wir beobachten gerade unglaubliche Preisbewegungen!"
"Bleibt unbedingt dran!"
"Like nicht vergessen!"
Millionen Zuschauer.
Ein Livestream über Super E10.
Deutschland würde einschalten.
Ganz sicher.
Das eigentlich Faszinierende ist aber die neue Machtverteilung.
Früher hatten Lobbyisten Einfluss.
Heute genügt offenbar ein wütender Hashtag.
#NichtMitMir
#Tankgate
#Zapfocalypse
Innerhalb weniger Minuten sitzen Kommunikationsabteilungen in Alarmbereitschaft.
Der Pressesprecher ruft hektisch:
"Hat schon jemand auf Instagram reagiert?"
"Nein."
"Dann sofort ein Bild mit Sonnenuntergang und der Überschrift 'Wir hören euch.'"
Klassische Krisenkommunikation.
Ich fordere deshalb ein neues Ministerium.
Das Bundesministerium für Empörung.
Dort sitzen ausschließlich Menschen, die den ganzen Tag Kommentare lesen.
Jede Entscheidung beginnt künftig mit einer wichtigen Frage.
"Wie viele Menschen regen sich wahrscheinlich darüber auf?"
Nicht mehr:
"Ist das wirtschaftlich sinnvoll?"
Nicht mehr:
"Ist das technisch machbar?"
Nein.
Nur noch:
"Gibt es Memes?"
Falls ja...
Projekt sofort stoppen.
Falls nein...
Weiterarbeiten.
Deutschland wäre das erste Land der Welt mit einer offiziellen Meme-Abteilung.
Natürlich gibt es auch Gewinner.
Die Hersteller von Popcorn.
Denn jede Preisänderung entwickelt sich inzwischen zur Live-Unterhaltung.
Familien stehen am Fenster.
"Opa, was kostet Diesel?"
"Warte noch fünf Minuten."
"Jetzt?"
"Nein."
"Jetzt?"
"Fast."
Spannender als jedes Fußballspiel.
Die Kommentatoren im Fernsehen könnten gleich übernehmen.
"Die Spannung steigt!"
"Nur noch wenige Minuten bis zur nächsten Preisrunde."
"Die Zapfsäule zeigt erste Bewegungen."
"Unglaubliche Szenen!"
Ich persönlich glaube inzwischen, dass Tankstellen heimlich Wetterstationen geworden sind.
Nicht wegen Regen.
Sondern wegen der Stimmung im Internet.
Scheint die Sonne und Twitter ist ruhig?
Preis rauf.
Regnet es und Facebook explodiert?
Preis lieber verschieben.
Das nennt man heute marktwirtschaftliche Meteorologie.
Doch die eigentliche Erkenntnis dieser Geschichte ist eine ganz andere.
Deutschland hat eine neue Währung.
Nicht Euro.
Nicht Bitcoin.
Nicht Gold.
Empörung.
Je größer die digitale Aufregung, desto größer offenbar die Vorsicht.
Vielleicht sollten wir dieses Prinzip künftig überall anwenden.
Die Stromrechnung steigt?
Einfach kollektiv empören.
Der Supermarkt erhöht Butterpreise?
Mehr Memes.
Die nächste Steuer kommt?
Zehn Millionen Menschen posten gleichzeitig ein wütendes GIF.
Problem gelöst.
Oder zumindest verschoben.
Ich bin Ronald Tramp.
Und ich sage Ihnen:
Wenn ein Shitstorm inzwischen mächtiger ist als ein Ölfass, dann tankt Deutschland künftig nicht mehr Super Plus...
...sondern ausschließlich öffentliche Empörung.

