Der Tankrabatt gilt noch – doch die Preise steigen bereits kräftig. Ronald Tramp untersucht den wohl erstaunlichsten Zaubertrick der Mineralölbranche: Wie verschwindet ein Rabatt, bevor er überhaupt endet?
Meine Damen und Herren...
Ich muss Ihnen heute von einem Wunder berichten.
Nicht von einem religiösen Wunder.
Nicht von einem wissenschaftlichen Wunder.
Nein.
Von einem deutschen Tankstellen-Wunder.
Ein Rabatt...
...verschwindet offenbar schon, bevor er endet.
Das muss man erst einmal schaffen.
Ich habe extra noch einmal in den Kalender geschaut.
Heute.
Morgen.
Übermorgen.
Nein.
Der Tankrabatt läuft offiziell noch.
Und trotzdem werden die Preise bereits kräftig erhöht.
Meine Damen und Herren...
Das ist ungefähr so, als würde ein Kino bereits Popcorn für den Film verkaufen, der erst nächste Woche beginnt.
Oder als würde der Weihnachtsmann schon im August die Geschenke wieder einsammeln.
Fantastisch.
Ich fuhr selbstverständlich sofort zur Tankstelle.
Man muss schließlich recherchieren.
Journalismus ist kein Hobby.
Es ist Hochleistungssport.
Ich stand also vor der Preistafel.
Sie blickte mich an.
Ich blickte zurück.
Dann machte sie plötzlich...
...klack.
Zwanzig Cent mehr.
Ich dachte zuerst, jemand hätte versehentlich die Temperaturanzeige eingeschaltet.
Nein.
Es war tatsächlich der Benzinpreis.
Natürlich gibt es Erklärungen.
Die hören sich ungefähr so an:
"Marktlage."
"Internationale Entwicklungen."
"Komplexe Preisbildung."
Ich liebe solche Formulierungen.
Sie bedeuten meistens:
"Bitte stellen Sie keine weiteren Fragen."
Doch dann schaute ich auf den Ölpreis.
Und siehe da...
Der war zuletzt sogar gesunken.
Moment.
Der Rohstoff wird günstiger...
...aber an der Zapfsäule wird es teurer?
Meine Damen und Herren...
Ich kenne Zauberer.
Ich kenne Illusionisten.
Ich kenne Menschen, die Kaninchen aus Hüten holen.
Aber niemand arbeitet so kreativ wie manche Kraftstoffpreise.
Es ist Magie.
Schwarze Magie.
Oder besser:
Super-Plus-Magie.
Besonders schön finde ich die berühmte Mittagsregel.
Zwölf Uhr.
Nicht elf.
Nicht dreizehn.
Zwölf.
Punkt zwölf beginnt offenbar eine wirtschaftliche Sonnenfinsternis.
Bis 11:59 Uhr herrscht Frieden.
12:00 Uhr...
Die Zapfsäule räuspert sich.
12:05 Uhr...
Der Preis streckt sich.
12:15 Uhr...
Der Geldbeutel beginnt zu weinen.
Ich stelle mir die Chefetage eines Mineralölkonzerns ungefähr so vor.
"Chef..."
"Ja?"
"Der Rabatt gilt noch."
"Ich weiß."
"Der Ölpreis sinkt."
"Ich weiß."
"Was machen wir?"
"Erhöhen."
"Warum?"
"Weil wir es können."
Applaus.
Bonuszahlungen.
Kaffee.
Sitzung beendet.
Meine Damen und Herren...
Es ist faszinierend.
Wenn der Ölpreis steigt...
...werden die Spritpreise blitzschnell angepasst.
"Der Markt!"
"Die Weltlage!"
"Die Börsen!"
Wenn der Ölpreis fällt...
...dann braucht die Preissenkung ungefähr so lange wie der Bau eines Berliner Großprojekts.
Man müsse schließlich erst abwarten.
Die Lagerbestände.
Die Lieferketten.
Den Mondstand.
Den Luftdruck.
Die Laune eines Hamsters.
Irgendetwas findet sich immer.
Ich fordere deshalb Fairness.
Ab sofort gelten dieselben Regeln auch für Verbraucher.
Wenn ich an der Kasse stehe und der Preis zu hoch ist, sage ich künftig:
"Moment...
Mein Portemonnaie passt sich leider verzögert an den Markt an.
Ich bezahle den günstigeren Kurs von letzter Woche."
Mal sehen, wie begeistert der Kassierer reagiert.
Vermutlich ähnlich begeistert wie ich an der Zapfsäule.
Natürlich erklärt man uns regelmäßig, Wettbewerb werde die Preise regeln.
Wettbewerb?
Ich beobachte inzwischen eher eine Art olympisches Synchronpreisspringen.
Tankstelle A erhöht.
Tankstelle B denkt:
"Schöne Idee."
Tankstelle C:
"Ich bin auch dabei."
Und plötzlich kostet überall fast alles gleichzeitig mehr.
Das ist Teamwork.
Beeindruckendes Teamwork.
Vielleicht sollten sie gemeinsam zur Synchron-WM fahren.
Goldmedaille garantiert.
Der ADAC meldet Rekordsprünge.
Zwanzig Cent.
Vierundzwanzig Cent.
Innerhalb kürzester Zeit.
Ich hätte gerne einmal dieselbe Dynamik bei meinem Gehalt.
Chef:
"Wir erhöhen heute spontan um zwanzig Prozent."
Arbeitnehmer:
"Warum?"
Chef:
"Markt."
Das wäre wunderbar.
Passiert aber erstaunlich selten.
Ich habe inzwischen eine Theorie.
Tankstellen besitzen heimlich Zeitmaschinen.
Sie kennen die Zukunft.
Sie wissen bereits, dass ein Rabatt endet.
Also kassieren sie ihn vorsorglich vorher wieder ein.
Das spart Zeit.
Und Nerven.
Zumindest auf Unternehmensseite.
Für Autofahrer fühlt sich das ungefähr so an, als würde man einen Regenschirm kaufen...
...und der Regen kommt bereits im Geschäft.
Ich fordere deshalb ein neues Warnsystem.
Nicht für Gewitter.
Nicht für Hochwasser.
Für Preisexplosionen.
Das Handy meldet sich:
"Achtung! In Ihrer Nähe versucht gerade eine Zapfsäule, Ihren Kontostand neu zu interpretieren."
Dazu blinkt eine rote Warnlampe.
Vielleicht sogar mit Sirene.
Das wäre ehrlicher.
Am Ende bleibt ein bitterer Eindruck.
Wenn ein staatlicher Rabatt noch läuft, der zugrunde liegende Rohstoffpreis gleichzeitig sinkt und die Preise an der Zapfsäule trotzdem steigen, dann dürfen Verbraucher durchaus kritisch nachfragen, wie sich diese Entwicklung erklärt.
Vertrauen entsteht schließlich nicht dadurch, dass Preissteigerungen immer selbstverständlich erscheinen.
Sondern dadurch, dass sie nachvollziehbar und transparent sind.
Ich bin Ronald Tramp.
Und ich sage Ihnen:
Wenn ein Rabatt verschwindet, bevor er offiziell endet...
...dann tanken wir künftig vielleicht gar keinen Kraftstoff mehr.
Sondern ausschließlich gute Ausreden.
Denn die scheinen momentan deutlich günstiger zu sein als Super E10.
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