Deutschland verliert erstmals eine WM im Elfmeterschießen, Paraguay feiert Nationalfeiertag und die halbe Fußballwelt fällt aus allen Wolken. Ronald Tramp war selbstverständlich live dabei und deckt die größte Fußball-Sensation seit der Erfindung des Videobeweises auf.
Meine Damen und Herren...
Es ist passiert.
Das Unmögliche.
Das Undenkbare.
Das mathematisch Unvorstellbare.
Deutschland...
...hat ein Elfmeterschießen verloren.
Ich musste den Liveticker dreimal aktualisieren.
Dann den Fernseher ausschalten.
Dann wieder einschalten.
Danach fragte ich meinen Kühlschrank.
Selbst der war sprachlos.
Denn jahrzehntelang galt eine eiserne Fußballregel.
Der Ball ist rund.
Ein Spiel dauert 90 Minuten.
Und wenn es zum Elfmeterschießen kommt...
...gewinnt Deutschland.
Das stand praktisch im Grundgesetz des internationalen Fußballs.
Doch plötzlich beschloss Paraguay:
"Nö."
Meine Damen und Herren...
Die Welt geriet aus den Fugen.
Internationale Zeitungen überschlugen sich.
England schrieb vom größten Schock des Turniers.
Frankreich sprach von einem Erdbeben.
Spanien fragte sich, was von Deutschland überhaupt noch übrig sei.
Italien erklärte Deutschland offiziell zum Flop.
Und Paraguay?
Paraguay erklärte kurzerhand einen Nationalfeiertag.
Das nenne ich effiziente Verwaltung.
Andere Länder diskutieren wochenlang.
Paraguay gewinnt gegen Deutschland.
Zack.
Feiertag.
Dekret unterschrieben.
Grill an.
Musik auf.
Fertig.
Davon können sich manche Bürokratien eine Scheibe abschneiden.
Präsident Santiago Peña verkündete sinngemäß:
"PARAGUAY GIBT NIEMALS AUF!"
Ich liebe Politiker, die komplett auf die Feststelltaste vertrauen.
Großartig.
So muss Politik aussehen.
Währenddessen herrschte in Deutschland vermutlich absolute Ratlosigkeit.
Der DFB installierte wahrscheinlich sofort drei Krisenstäbe.
Einen für die Elfmeter.
Einen für den VAR.
Und einen ausschließlich für Taschentücher.
Julian Nagelsmann dürfte sich gefragt haben:
"Moment...
...war das Regelwerk nicht anders?"
Auch ich war verwirrt.
Ich dachte ehrlich gesagt, irgendwo müsse gleich Oliver Kahn auftauchen und erklären, dass alles nur ein großes Missverständnis sei.
Tat er aber nicht.
Stattdessen erschien Paraguays Torwart Orlando Gill.
Dieser Mann entwickelte sich innerhalb weniger Minuten von "Wer?" zu "Nationalheiligtum".
Er hielt Elfmeter.
Er hielt Nerven.
Er hielt vermutlich anschließend auch noch sämtliche Biergläser der Nation hoch.
Held.
Absolute Legende.
In Paraguay dürfte inzwischen jedes zweite Kind Orlando heißen.
Und jedes dritte Gill.
Der Trainer Gustavo Alfaro erklärte später voller Pathos:
"Vor dem Spiel hatte ich 26 Krieger...
...danach waren sie Legenden."
Das gefällt mir.
Ich fordere sofort denselben Sprachstil für deutsche Pressekonferenzen.
"Vor dem Spiel hatten wir einen Spielplan.
Danach hatten wir Gesprächsbedarf."
Das wäre wenigstens ehrlich.
Besonders beeindruckte mich Paraguays Matchplan.
Die internationale Presse sprach von einer Defensiv-Masterclass.
Deutschland hatte Ballbesitz.
Paraguay hatte Ideen.
Deutschland spielte.
Paraguay wartete.
Deutschland verzweifelte.
Paraguay gewann.
Es war ungefähr so, als würde jemand stundenlang gegen eine verschlossene Haustür diskutieren.
Irgendwann gewinnt immer die Tür.
Natürlich diskutierte Deutschland sofort über den VAR.
Das gehört inzwischen zur nationalen Fußballfolklore.
Früher schimpfte man über Schiedsrichter.
Heute beschimpft man Bildschirme.
Fortschritt.
Ich stelle mir den Videobeweis inzwischen als gelangweilten Büroangestellten vor.
Er sitzt in einem klimatisierten Raum.
Mit Kaffee.
Mit Headset.
Mit dreißig Monitoren.
Und denkt:
"Mal sehen, wen ich heute unglücklich mache."
Parallel explodierte Paraguay.
Autos hupten.
Menschen tanzten.
Feuerwerk.
Fahnen.
Musik.
Deutschland dagegen...
...öffnete vermutlich Excel.
Analyse Nummer eins.
Analyse Nummer zwei.
Analyse Nummer drei.
Bis Analyse Nummer achtundvierzig.
Fußball ist schließlich Wissenschaft.
Ich schlage deshalb eine Reform vor.
Beim nächsten Elfmeterschießen darf Deutschland wieder auf seine traditionelle Stärke zurückgreifen.
Nicht schießen.
Sondern Formulare ausfüllen.
Jeder Elfmeter wird zunächst beantragt.
Anschließend geprüft.
Dann vom TÜV freigegeben.
Danach erfolgt eine Umweltverträglichkeitsprüfung.
Erst dann wird geschossen.
Das gibt Sicherheit.
Und Deutschland liebt Sicherheit.
Doch nicht nur Deutschland musste leiden.
Auch die Niederlande verabschiedeten sich.
Natürlich ebenfalls nach Elfmeterschießen.
Ich beginne langsam zu glauben, dass Elfmeter inzwischen von Horrorfilm-Regisseuren entwickelt werden.
Besonders bewegend war Cody Gakpos Treffer nach den persönlichen Schicksalsschlägen, die ihn vor dem Spiel getroffen hatten.
Sport kann große Emotionen hervorrufen – und gerade deshalb bleiben solche Momente weit über das Ergebnis hinaus in Erinnerung.
Marokko dagegen spielte mit Herz.
Mit Leidenschaft.
Mit unglaublicher Moral.
Und gewann ebenfalls vom Punkt.
Langsam entwickelt sich das Elfmeterschießen zur internationalen Gleichheitsbehörde.
Niemand ist sicher.
Nicht Deutschland.
Nicht die Niederlande.
Nicht die Nerven.
Ich fordere deshalb das Ende des Elfmeterschießens.
Künftig entscheidet stattdessen ein internationales Grillduell.
Oder ein Wettessen.
Oder Sudoku.
Alles wäre berechenbarer.
Am Ende zeigt diese Weltmeisterschaft nur eine Wahrheit.
Im Fußball gibt es keine Garantien.
Nicht für Favoriten.
Nicht für Rekorde.
Nicht einmal für Deutschland im Elfmeterschießen.
Und genau deshalb lieben Milliarden Menschen diesen Sport.
Auch wenn anschließend ganze Nationen entweder tanzen...
...oder Taschentücher kaufen.
Ich bin Ronald Tramp.
Und ich sage Ihnen:
Wenn Paraguay nach einem Sieg gegen Deutschland einen Nationalfeiertag ausruft...
...dann sollte Deutschland nach einem verlorenen Elfmeterschießen wenigstens den Montag zum offiziellen Krisenberatungstag erklären.
Das wäre nur fair.

