Nach dem WM-Aus diskutiert Deutschland wieder über Trainer, Tugenden und Verantwortung. Ronald Tramp deckt auf, warum hierzulande inzwischen mehr Krisengipfel als Torschüsse produziert werden – und weshalb Oliver Kahn vermutlich bald das Bundesministerium für Eier übernimmt.
Meine Damen und Herren...
Deutschland ist ausgeschieden.
Schon wieder.
Nicht knapp.
Nicht unglücklich.
Sondern so gründlich, dass inzwischen sogar der Mannschaftsbus wahrscheinlich mit gesenkten Scheinwerfern nach Hause fährt.
Und was passiert unmittelbar danach?
Natürlich.
Die größte deutsche Weltmeisterschaft beginnt erst jetzt.
Nicht auf dem Rasen.
Sondern im Fernsehen.
Im Radio.
In Podcasts.
Bei LinkedIn.
In WhatsApp-Gruppen.
An jedem Grill.
Und selbstverständlich in der Schlange beim Bäcker.
Plötzlich ist ganz Deutschland Bundestrainer.
Wieder einmal.
Ich liebe diese Tradition.
Kaum ist der letzte Elfmeter verschossen, sitzen ungefähr 84 Millionen Experten auf ihren Sofas und wissen ganz genau, was vor drei Wochen hätte passieren müssen.
Das ist deutsche Effizienz.
Oliver Kahn meldet sich.
Bastian Schweinsteiger meldet sich.
Ehemalige Spieler.
Aktuelle Spieler.
Trainer.
Ex-Trainer.
Fast fehlt nur noch der Platzwart von 1974.
Alle analysieren.
Alle diagnostizieren.
Alle haben recht.
Zumindest gleichzeitig.
Oliver Kahn sagt sinngemäß:
"Das Problem ist nicht der Trainer."
Ich nicke.
Dann sagt Schweinsteiger:
"Wir haben unsere Tugenden verloren."
Ich nicke wieder.
Dann ruft irgendwo jemand:
"Klopp!"
Natürlich Klopp.
Es ist inzwischen völlig egal, worum es geht.
Wenn irgendwo in Deutschland ein Stuhl wackelt...
...erscheint automatisch der Name Jürgen Klopp.
Falls morgen mein Toaster kaputtgeht, wird vermutlich jemand schreiben:
"Vielleicht sollte Klopp übernehmen."
Das ist inzwischen ein Naturgesetz.
Besonders beeindruckt hat mich Oliver Kahns Analyse.
Er spricht von Verantwortung.
Von Charakter.
Von Spielern, die den Ball verlangen müssen.
Und genau da musste ich lachen.
Ich stellte mir das Elfmeterschießen vor.
Kapitän:
"Wer schießt?"
Absolute Stille.
Irgendwo hustet jemand.
Ein anderer bindet plötzlich zum dritten Mal seinen Schuh.
Der Torwart studiert ganz intensiv den Rasen.
Und einer fragt:
"Gibt es vielleicht einen Freiwilligen?"
Meine Damen und Herren...
Das klingt weniger nach Weltmeisterschaft...
...und mehr nach einem Elternabend, auf dem ein Kassenwart gesucht wird.
Oliver Kahn fordert mehr Verantwortung.
Ich verstehe ihn.
Früher gab es Spieler, die den Ball wollten.
Heute möchte mancher offenbar erst eine PowerPoint-Präsentation über den Ball.
Mit Heatmap.
Risikoanalyse.
Nachhaltigkeitsbericht.
Und einer SWOT-Analyse des Elfmeters.
Ich fordere deshalb neue Trainingsmethoden.
Nicht Technik.
Nicht Taktik.
Nicht Fitness.
Sondern...
Muttraining.
Der Trainer stellt einen Elfmeterpunkt auf.
Daneben steht Oliver Kahn.
Mit verschränkten Armen.
Wer trotzdem schießt...
...ist automatisch Nationalspieler.
Fantastisch.
Dann kommt Schweinsteiger.
Er spricht von Tugenden.
Kampf.
Robustheit.
DNA.
Meine Damen und Herren...
Ich liebe Fußball-DNA.
Sie taucht immer dann auf, wenn nichts anderes mehr funktioniert.
Gewinnt Deutschland?
"Weltklasse!"
Verliert Deutschland?
"Die DNA fehlt."
DNA scheint im Fußball ungefähr so wichtig geworden zu sein wie WLAN.
Ohne geht gar nichts.
Ich sehe bereits die Talentförderung der Zukunft.
Trainer:
"Wie schnell läuft der Junge?"
"Sehr schnell."
"Technisch stark?"
"Ja."
"Hat er DNA?"
"Moment..."
Blutprobe.
Labor.
Zwei Wochen später.
"Herzlichen Glückwunsch...
...Sie besitzen ausreichend deutsche Fußball-DNA."
Unglaublich.
Natürlich wird anschließend wieder der Trainer diskutiert.
Nagelsmann.
Klopp.
Nagelsmann.
Klopp.
Nagelsmann.
Klopp.
Deutschland führt inzwischen vermutlich eine Trainerdebatte auch dann, wenn die Nationalmannschaft spielfrei hat.
Dabei sagte Oliver Kahn etwas Interessantes.
Drei Bundestrainer.
Drei Systeme.
Drei Persönlichkeiten.
Ähnliche Ergebnisse.
Das ist tatsächlich ein Punkt, über den man nachdenken kann.
Nur Ronald Tramp geht noch weiter.
Vielleicht liegt das Problem gar nicht auf der Trainerbank.
Vielleicht sitzt es...
...vor jedem Spiel in sämtlichen Fernsehstudios.
Denn noch bevor der Anpfiff erfolgt, diskutieren dort bereits zwölf Experten darüber, warum alles schiefgehen wird.
Optimismus hat es schwer.
Deutschland produziert inzwischen mehr Krisengipfel als Eckbälle.
Währenddessen schauen wir nach Belgien.
Die liegen zwei Tore zurück.
Fast raus.
Dann kommt Lukaku.
Dann kommt Tielemans.
Dann plötzlich...
...Eier.
Ja.
Genau dieses Wort benutzte Lukaku.
Ich musste lachen.
In Deutschland hätte wahrscheinlich zuerst eine Ethikkommission geprüft, ob man das im Fernsehen sagen darf.
Belgien schießt lieber Tore.
Oder England.
Harry Kane macht einfach Harry-Kane-Dinge.
Die Mannschaft gerät in Panik.
Kane bekommt den Ball.
Problem gelöst.
So einfach kann Fußball manchmal sein.
Deutschland dagegen eröffnet vermutlich zunächst einen Arbeitskreis "Ballbesitzoptimierung unter Berücksichtigung emotionaler Rahmenbedingungen".
Das dauert.
Sehr lange.
Und während Harry Kane Tore schießt, diskutieren wir weiter darüber, welche Heatmap ein Flügelspieler vor sechs Monaten hatte.
Fantastisch.
Ich schlage deshalb eine revolutionäre DFB-Reform vor.
Vor jedem Länderspiel gibt es künftig nur drei Fragen.
Erstens:
"Wer übernimmt Verantwortung?"
Zweitens:
"Wer will den Elfmeter?"
Drittens:
"Hat jemand Lust, einfach Fußball zu spielen?"
Wer dreimal "Ja" sagt...
...steht automatisch in der Startelf.
Das spart Analyse.
Natürlich brauchen Spitzenmannschaften Technik.
Taktik.
Daten.
Videoanalyse.
Alles wichtig.
Aber irgendwann kommt der Moment, in dem keine Heatmap der Welt den Ball ins Tor schießt.
Dann braucht es Spieler, die sagen:
"Her damit."
Genau darauf wollten Kahn und Schweinsteiger hinaus.
Ich bin Ronald Tramp.
Und ich sage Ihnen:
Deutschland muss nicht zwangsläufig den vierten Bundestrainer wechseln.
Vielleicht sollten wir zuerst damit aufhören, nach jeder Niederlage einen neuen Messias zu suchen.
Denn manchmal gewinnt man keine Weltmeisterschaften...
...mit neuen Gesichtern.
Sondern mit Spielern, die beim Elfmeter nicht fragen:
"Muss ich wirklich?"
...sondern sagen:
"Gib den Ball her!"

