Deutschland scheidet krachend aus der WM aus – doch mitten in der Nacht jubelt das Kanzleramt der Nationalelf zu. Ronald Tramp deckt auf, wie ein falscher Klick beinahe zur größten Goldmedaille der deutschen Behördenkommunikation wurde.
Meine Damen und Herren...
Deutschland verliert.
Das Land ist geschockt.
Die Fans schweigen.
Die Fernsehexperten polieren bereits ihre Trainerkritik.
Die sozialen Netzwerke brennen.
Und genau in diesem historischen Moment...
...drückt irgendwo im Kanzleramt ein Mensch auf den falschen Knopf.
Meine Damen und Herren...
Ich sage Ihnen:
Das war kein Kommunikationsfehler.
Das war Kunst.
Deutschland scheidet aus einer Weltmeisterschaft aus...
...und wenige Minuten später erscheint eine Jubelbotschaft.
Das muss man erst einmal schaffen.
Ich stelle mir den Raum vor.
Mitten in der Nacht.
Monitore.
Kaffeebecher.
Halbleere Pizzakartons.
Menschen mit Augenringen bis zur Tastatur.
Einer ruft:
"Welches Posting nehmen wir?"
Der andere:
"Das für den Sieg!"
"Moment..."
"Klick."
Abschicken.
Sekunden später absolute Stille.
Dann blickt jemand auf den Fernseher.
"Ähm..."
"Wir haben doch verloren, oder?"
Lange Pause.
"Ja."
"Noch jemand Kaffee?"
Fantastisch.
Natürlich war der Text wunderschön.
"Was für ein Spiel!"
"Einsatz!"
"Teamgeist!"
"Wir sind stolz auf euch!"
Meine Damen und Herren...
Das klingt ungefähr so, als würde man nach einem Wohnungsbrand gratulieren, weil die Gardinen besonders schön gebrannt haben.
Timing.
Es geht immer um Timing.
Besonders faszinierend finde ich die Vorstellung, dass für sämtliche Spielausgänge bereits vorbereitete Texte existierten.
Deutschland gewinnt?
Posting A.
Deutschland verliert knapp?
Posting B.
Deutschland wird Weltmeister?
Posting C.
Deutschland fliegt spektakulär raus?
Offenbar ebenfalls Posting A.
Sehr effizient.
Ich fordere deshalb ein neues Ministerium.
Das Bundesministerium für den richtigen Button.
Aufgabe:
Vor jedem Social-Media-Beitrag einmal laut vorlesen:
"Haben wir wirklich gewonnen?"
Falls die Antwort "Nein" lautet...
...bitte noch einmal überlegen.
Das spart Nerven.
Und Schlagzeilen.
Natürlich ging anschließend das Internet seiner Lieblingsbeschäftigung nach.
Spott.
Satire.
Memes.
Innerhalb von fünf Minuten entstanden vermutlich mehr Photoshop-Bilder als während der gesamten WM.
Das Internet arbeitet schneller als jede Behörde.
Beeindruckend.
Ich stelle mir die morgendliche Lagebesprechung im Kanzleramt vor.
"Chef..."
"Ja?"
"Wir haben ein kleines Problem."
"Wie klein?"
"National."
"Ach."
"Die sozialen Netzwerke lachen."
"Wieder?"
"Ja."
"Schon wieder?"
"Ja."
Deutschland liebt schließlich Pannen.
Besonders digitale.
Früher vertippte man sich in einem Brief.
Heute schreibt man versehentlich Geschichte.
Natürlich hieß es später, verschiedene Texte seien vorbereitet gewesen.
Das verstehe ich.
Professionelle Kommunikation plant Szenarien.
Das ist sinnvoll.
Nur...
...irgendjemand sollte anschließend noch prüfen, welches Szenario tatsächlich eingetreten ist.
Ich sehe den Ordner bereits vor mir.
WM_SIEG_final_v12_final_NEU.docx
WM_NIEDERLAGE_final_v12_final_NEU2.docx
WM_WIRKLICH_NIEDERLAGE_final_FINAL_final.docx
Wer soll da noch den Überblick behalten?
Ich jedenfalls nicht.
Vielleicht lag das Problem gar nicht am Mitarbeiter.
Vielleicht lag es am Dateinamen.
Deutschland ist schließlich Weltmeister in Dateinamen.
Besonders gefällt mir die Reaktion danach.
Es gab ein zweites Posting.
Zusammenhalt.
Trost.
Rückhalt für die Mannschaft.
Das ist grundsätzlich eine völlig nachvollziehbare Botschaft.
Nur leider musste sie gegen die Wucht des ersten Fehlklicks ankämpfen.
Das Internet vergisst schließlich nichts.
Vor allem keine Screenshots.
Screenshots sind wie Tätowierungen.
Nur digital.
Ich frage mich inzwischen, ob Behörden künftig vor jedem Tweet einen kleinen Countdown einführen sollten.
"Drei..."
"Zwei..."
"Eins..."
"Hat jemand das Ergebnis geprüft?"
Das wäre modern.
Natürlich ist die eigentliche Geschichte gar nicht der falsche Tweet.
Sondern wie unglaublich schnell heute Kommunikation entsteht.
Ein einziger Klick.
Und Millionen Menschen lesen mit.
Früher dauerte ein Fehler bis zur nächsten Zeitung.
Heute braucht er ungefähr vier Sekunden.
Davon entkommt niemand.
Nicht Unternehmen.
Nicht Fußballvereine.
Und auch kein Kanzleramt.
Ich habe deshalb einen revolutionären Vorschlag.
Künftig werden wichtige Posts erst von drei unabhängigen Personen geprüft.
Einem Pressesprecher.
Einem Fußballfan.
Und einer Oma.
Omas erkennen solche Dinge sofort.
"Och Junge...
Das kannst du jetzt doch nicht schicken."
Ende der Diskussion.
Fehler verhindert.
Fantastisch.
Natürlich bleibt eines wichtig.
Auch nach einer sportlichen Niederlage gehört Respekt gegenüber einer Nationalmannschaft dazu.
Man kann Leistungen kritisch bewerten und dennoch anerkennen, dass Spieler und Trainer alles versucht haben.
Genau diesen Gedanken wollte die spätere Botschaft transportieren.
Nur der erste Tweet sorgte eben dafür, dass statt Trost zunächst Verwunderung entstand.
Ich bin Ronald Tramp.
Und ich sage Ihnen:
Deutschland hat vielleicht die WM verloren...
...aber irgendwo im Kanzleramt gewann jemand völlig überraschend die Weltmeisterschaft...
...im olympischen Präzisions-Knopfdrücken.
Und das...
...war vermutlich der einzige Volltreffer dieser Nacht.

