Deutschland scheitert spektakulär bei der WM, Julian Nagelsmann wackelt, Jürgen Klopp geistert durch jede Talkshow und plötzlich ist ganz Fußball-Deutschland wieder Bundestrainer. Ronald Tramp berichtet exklusiv vom größten Krisengipfel seit Erfindung der Abseitsregel.
Meine Damen und Herren...
Deutschland hat es wieder geschafft.
Nicht Weltmeister.
Nicht Halbfinale.
Nicht einmal Viertelfinale.
Nein.
Deutschland hat erneut eine nationale Spezialdisziplin perfektioniert:
Die Trainerdiskussion bereits während des Rückflugs.
Kaum war der letzte Elfmeter verschossen, dauerte es ungefähr zwölf Sekunden, bis die erste Expertenrunde zusammentrat.
"Nagelsmann raus!"
"Klopp rein!"
"Hummels hat's schon immer gewusst!"
"Der VAR war schuld!"
"Die Hitze!"
"Die Aufstellung!"
"Die Frisuren!"
Deutschland ist einfach Weltmeister im Finden von Ursachen.
Nur beim Tore schießen war diesmal leider Feierabend.
Ich stand selbstverständlich am Flughafen.
Das Gepäckband drehte sich.
Die Koffer kamen.
Die Hoffnung kam nicht.
Stattdessen rollte direkt die nächste Schlagzeile vorbei:
"Nagelsmann vor dem Aus?"
Meine Damen und Herren...
Im deutschen Fußball altert ein Bundestrainer inzwischen schneller als eine Banane in der Sonne.
Vor der WM:
"Genialer Taktiker."
Nach der WM:
"Hat eigentlich jemand Klopps Telefonnummer?"
Fantastisch.
Besonders beeindruckte mich Mats Hummels.
Der Mann taucht plötzlich wie ein Fußball-Orakel aus dem Nebel auf und erklärt:
"Da muss sich etwas ändern."
Natürlich erwähnt er fairerweise gleich dazu, dass sein Verhältnis zum Bundestrainer nicht gerade von romantischer Harmonie geprägt ist.
Das nenne ich Transparenz.
Andere verschweigen so etwas.
Mats sagt:
"Ja, ich bin vielleicht nicht ganz neutral."
Vorbildlich.
Fast schon deutsch.
Und dann kommt selbstverständlich der Name, der in Deutschland immer fällt, sobald irgendwo ein Trainerstuhl wackelt.
Jürgen Klopp.
Natürlich Klopp.
Wenn morgen beim FC Hintertupfingen der Platzwart kündigt, lautet der erste Kommentar vermutlich:
"Kann Klopp das übernehmen?"
Der Mann entwickelt sich langsam zum Chuck Norris des Fußballs.
Kaputter Verein?
Klopp.
Schlechte Laune?
Klopp.
Wetter zu heiß?
Vielleicht Klopp.
Ich stelle mir inzwischen die DFB-Zentrale vor.
Telefon klingelt.
"Hallo?"
"Hier ist wieder jemand mit Klopp."
"Nummer 487 heute."
"Bitte hinten anstellen."
Währenddessen versucht Julian Nagelsmann vermutlich noch herauszufinden, warum plötzlich ganz Deutschland Bundestrainer geworden ist.
Denn das ist unsere größte Stärke.
Elf Millionen Trainer.
Zehn Millionen Sportdirektoren.
Fünf Millionen Schiedsrichter.
Und ungefähr achtzig Millionen Menschen, die nach jedem Spiel genau wissen, was man vorher hätte machen müssen.
Im Nachhinein gewinnen wir jede Weltmeisterschaft.
Im Fernsehen.
Besonders liebe ich den Satz:
"Hätte er doch..."
Der Konjunktiv.
Der gefährlichste Gegenspieler jedes Trainers.
Hätte er Woltemade früher gebracht.
Hätte er El Mala nominiert.
Hätte er Führich mitgenommen.
Hätte Neuer noch einen Elfmeter gehalten.
Hätte Kimmich.
Hätte Undav.
Hätte...
Hätte...
Hätte...
Deutschland spielt inzwischen nicht mehr Fußball.
Deutschland spielt Konjunktiv.
Ich fordere deshalb eine neue Bundesliga.
Nicht mit Punkten.
Sondern ausschließlich mit hypothetischen Erfolgen.
Borussia Hätte.
Bayern Vielleicht.
VfB Eigentlich.
Der Meister steht bereits vor Saisonbeginn fest.
Doch damit nicht genug.
Nagelsmann wird vorgeworfen, seine Entscheidungen schlecht kommuniziert zu haben.
Meine Damen und Herren...
Ich stelle mir inzwischen jede Kabinenansprache vor wie eine Präsentation bei einem Unternehmensberater.
PowerPoint.
Heatmaps.
Diagramme.
Pfeile.
Farbige Kreise.
Irgendwann meldet sich Thomas Müller:
"Trainer...
dürfen wir vielleicht auch Fußball spielen?"
Natürlich gab es Diskussionen über Heatmaps.
Ich liebe Heatmaps.
Früher sagte ein Trainer:
"Der Junge ist schnell."
Heute heißt es:
"Die thermische Positionsverteilung im rechten Halbraum weist Optimierungspotenzial auf."
Das klingt beeindruckend.
Hilft aber leider nicht immer beim Elfmeterschießen.
Während Deutschland diskutiert, verabschiedet sich auf der anderen Seite der Welt ein Mann mit Stil.
Sebastián Beccacece.
Allein dieser Name klingt wie ein Espresso mit Trainerlizenz.
Dieser Mann jubelt.
Weint.
Rennt Tribünen hoch.
Umarmt seine Familie.
Und verabschiedet sich anschließend mit den Worten:
"Ich gehe mit Dankbarkeit und innerem Frieden."
Innerer Frieden!
Davon träumt der deutsche Fußball seit Jahren.
Hier herrscht eher innerer Krisengipfel.
Dann schauen wir nach Mexiko.
Dort beginnt das Spiel wegen eines Gewitters später.
80.000 Fans.
Donner.
Blitze.
Bierfontänen.
Stimmung wie beim Weltuntergang.
Und was passiert?
Mexiko gewinnt.
Deutschland hätte vermutlich zunächst eine Arbeitsgruppe "Niederschlagsmanagement" gegründet.
Mexiko schießt lieber Tore.
Auch Paraguay macht vor, wie Emotionen funktionieren.
Nationalfeiertag.
Autokorsos.
Heldenstatus.
Deutschland?
Sondersendung.
Krisengipfel.
Trainerdiskussion.
Analyse bis 2042.
Ich habe deshalb einen revolutionären Vorschlag.
Die nächste WM beginnt nicht mit einem Trainingslager.
Sondern mit einem Grillabend.
Keine Heatmaps.
Keine Datenmodelle.
Keine 87 Kameraperspektiven.
Einfach Fußball.
Derjenige, der beim Elfmeterschießen am ruhigsten bleibt, spielt.
Derjenige, der während des Grillens am wenigsten über Taktik spricht, wird Co-Trainer.
Und wer nach einer Niederlage nicht sofort den Trainer feuern möchte...
...bekommt automatisch den Fair-Play-Preis.
Das wäre wirklich innovativ.
Am Ende bleibt eine unbequeme Wahrheit.
Ein Trainerwechsel allein schießt keine Tore.
Ein neuer Name auf der Bank ersetzt weder Chancenverwertung noch Spielglück noch einen perfekt gehaltenen Elfmeter.
Fußball bleibt manchmal grausam einfach.
Man gewinnt gemeinsam.
Und man verliert gemeinsam.
Auch wenn danach ganz Deutschland plötzlich glaubt, den besseren Matchplan gehabt zu haben.
Ich bin Ronald Tramp.
Und ich sage Ihnen:
Wenn Deutschland irgendwann mehr Trainerkandidaten als Torschüsse produziert...
...dann sollten wir vielleicht nicht zuerst die Trainerbank austauschen.
Sondern endlich wieder anfangen, das Runde regelmäßig ins Eckige zu befördern.
Das wirkt erstaunlich oft.
Sogar bei Weltmeisterschaften.

