Kurz vor dem WM-Start wird die englische Nationalmannschaft Opfer eines Diebstahls. Ronald Tramp untersucht den größten Schnürsenkel-Krimi des Jahres.
Freunde, liebe Fußballfans und alle Menschen, die schon einmal versucht haben, einen Fußballschuh zu klauen, ohne dabei aufzufallen:
Es ist passiert.
Kurz vor dem Start der Weltmeisterschaft wurde die englische Nationalmannschaft Opfer eines spektakulären Verbrechens.
Ein Verbrechen, das die Grundfesten des internationalen Fußballs erschüttert.
Ein Verbrechen, das selbst Scotland Yard, Sherlock Holmes und drei pensionierte Dorfpolizisten gleichzeitig beschäftigen könnte.
Die Ausrüstung der englischen Nationalmannschaft wurde gestohlen.
Ja.
Die Ausrüstung.
Nicht die Spieler.
Nicht der Trainer.
Nicht die Taktik.
Wobei Letzteres vermutlich ohnehin schwer zu finden wäre.
Die Mannschaft von Thomas Tuchel befand sich auf dem Weg zu ihrem WM-Quartier in Kansas City. Die Ausrüstung war bereits vorausgeschickt worden. Ein logischer Vorgang.
Denn moderne Nationalmannschaften reisen heute mit mehr Material als eine mittelgroße Raumfahrtmission.
Es gibt Fußballschuhe.
Trainingsbälle.
Leibchen.
Massagegeräte.
Fitnessausrüstung.
Analysecomputer.
Ernährungspläne.
Und vermutlich auch drei Notfallordner mit der Aufschrift:
„Was tun, falls England wieder im Elfmeterschießen ausscheidet?“
Doch dann geschah das Unfassbare.
Die Fahrzeuge wurden aufgebrochen.
Die Ausrüstung verschwand.
Und plötzlich stand die wichtigste Frage der Welt im Raum:
Wer klaut Fußballschuhe von einer Nationalmannschaft?
Ich meine, das ist kein gewöhnlicher Diebstahl.
Jemand schaut auf einen Lastwagen voller England-Ausrüstung und denkt:
„Genau das brauche ich.“
Das ist ungefähr so, als würde jemand den Notfallkoffer eines Herzchirurgen stehlen, weil er privat gerne Pflaster sammelt.
Natürlich gibt es inzwischen zahlreiche Theorien.
Theorie Nummer eins:
Es waren kroatische Spione.
Kurz vor dem Auftaktspiel gegen Kroatien wäre das ein genialer Schachzug.
Warum den Gegner sportlich schlagen, wenn man einfach seine Fußballschuhe verschwinden lassen kann?
Die kroatische Geheimorganisation „Agentur für strategische Schnürsenkelentfernung“ soll bereits seit Jahren aktiv sein.
Offiziell gibt es sie nicht.
Genau deshalb ist sie so gefährlich.
Theorie Nummer zwei:
Es waren englische Fans.
Auch das erscheint plausibel.
Schließlich sammeln manche Fans Trikots.
Andere sammeln Autogramme.
Und wieder andere sammeln offenbar komplette Mannschaftsausrüstungen.
Demnächst tauchen bei Ebay Anzeigen auf:
„Originaler WM-Schuh von England. Kaum getragen. Eventuell vor Turnierbeginn gestohlen.“
Theorie Nummer drei:
Die FIFA hat die Ausrüstung selbst verlegt.
Diese Theorie wird von Experten besonders ernst genommen.
Denn jeder, der jemals mit großen Organisationen gearbeitet hat, weiß:
Manchmal verschwinden Dinge nicht.
Sie werden lediglich „temporär administrativ umgelagert“.
Das klingt viel professioneller.
Besonders spannend ist die Tatsache, dass noch gar nicht genau bekannt ist, was gestohlen wurde.
Man befürchtet, dass Bälle und Fußballschuhe fehlen.
Freunde.
Bälle.
Fußballschuhe.
Die wichtigsten Werkzeuge des Berufs.
Das wäre ungefähr so, als würde man einer Rockband kurz vor dem Konzert die Gitarren klauen.
Oder einem Koch die Pfannen.
Oder einem Politiker das Mikrofon.
Wobei letzteres von manchen Bürgern vermutlich sogar begrüßt würde.
Die Vorstellung, wie die Verantwortlichen den Schaden feststellen, ist herrlich.
„Sind alle Bälle da?“
„Nein.“
„Wie viele fehlen?“
„Wir wissen es nicht.“
„Warum?“
„Weil niemand gezählt hat.“
„Sind wenigstens die Schuhe da?“
„Teilweise.“
„Was bedeutet teilweise?“
„Der linke Schuh ist da. Der rechte nicht.“
„Von welchem Spieler?“
„Von mehreren.“
Panik.
Absolute Panik.
Thomas Tuchel soll angeblich dennoch ruhig geblieben sein.
Das muss man sich vorstellen.
Du reist zur Weltmeisterschaft.
Deine Ausrüstung wird gestohlen.
Und du musst gleichzeitig Spielern erklären, warum sie möglicherweise mit Leihschuhen antreten.
Ich sehe die Szene bereits vor mir.
„Trainer, meine Schuhe sind weg.“
„Nimm die von Harry.“
„Die sind vier Nummern zu groß.“
„Dann lauf schneller. Das verbessert die Aerodynamik.“
Vielleicht eröffnet dieser Vorfall aber völlig neue Möglichkeiten.
England könnte als erstes Team der Geschichte improvisieren.
Trainingsbälle aus zusammengeknoteten Handtüchern.
Torpfosten aus Mineralwasserflaschen.
Fußballschuhe aus Pappe.
Und am Ende gewinnen sie das Turnier.
Das wäre die ultimative Demütigung für alle Hightech-Sportartikelhersteller.
„Braucht ihr unsere Produkte?“
„Nein.“
„Unsere Spezialschuhe?“
„Nein.“
„Unsere High-End-Bälle?“
„Nein.“
„Was habt ihr benutzt?“
„Einen Gartenschlauch und zwei Einkaufstüten.“
Der wahre Verlierer dieser Geschichte könnte allerdings der Dieb werden.
Denn stellen wir uns vor, er öffnet die Beute.
Er erwartet Gold.
Diamanten.
Wertgegenstände.
Und findet stattdessen 47 Paar verschwitzte Fußballschuhe.
Das ist der Moment, in dem selbst Kriminelle ihre Lebensentscheidungen hinterfragen.
Vielleicht sitzt der Täter gerade irgendwo in Kansas City und sagt:
„Leute, wir haben ein Problem.“
„Was denn?“
„Wir haben die falsche Lieferung erwischt.“
„Was ist drin?“
„Fußballschuhe.“
„Nur Fußballschuhe?“
„Und Trainingsleibchen.“
„Mein Gott.“
Am Ende wird der Fall sicher aufgeklärt werden.
Polizei und Verband arbeiten bereits zusammen.
Doch unabhängig vom Ausgang hat diese Geschichte bereits Geschichte geschrieben.
Denn England hat es geschafft, noch vor dem ersten WM-Spiel in die Schlagzeilen zu geraten.
Nicht wegen eines Tores.
Nicht wegen eines Skandals.
Nicht wegen eines Elfmeters.
Sondern wegen eines Verbrechens, das klingt wie die Handlung einer besonders verrückten Fußballkomödie.
Euer Ronald Tramp.
Der einzige Sportreporter der Welt, der seine Fußballschuhe inzwischen nachts im Tresor aufbewahrt.

