Ulrich Siegmund bleibt trotz möglicher verpasster absoluter Mehrheit entspannt: Beim nächsten Mal seien es eben 50 oder 55 Prozent. Ronald Tramp entdeckt Demokratie nach Wunschzettelprinzip.
Von Ronald Tramp, Sonderkorrespondent für absolute Mehrheiten und politische Wunschmathematik
Meine lieben Wähler, Nichtwähler und Menschen, die bisher glaubten, 40 Prozent seien bei einer Wahl ziemlich viel!
In Sachsen-Anhalt zeigt AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund derzeit eine beeindruckende Form politischer Entspannung.
Die AfD liegt in Umfragen bei rund 40 bis 42 Prozent. Für eine absolute Mehrheit könnte das trotzdem nicht reichen.
Und Siegmund?
Bleibt locker.
Sinngemäß: Dann regieren eben andere. Diese Regierung werde ohnehin nicht lange halten. Und danach?
„Dann haben wir halt beim nächsten Mal 50 oder 55 Prozent.“
Ich, Ronald Tramp, liebe dieses Wort:
HALT.
Nicht vielleicht.
Nicht möglicherweise.
Nicht nach komplizierter Analyse gesellschaftlicher Entwicklungen.
Nein.
Dann haben wir HALT 55 Prozent.
Das ist politische Mathematik in ihrer schönsten Form.
Heute 41.
Morgen 55.
Übermorgen vermutlich 73, wenn das Wetter stimmt.
Demokratie mit Upgrade-Funktion
Die Strategie ist genial.
Man bekommt 41 Prozent.
Reicht nicht?
Kein Problem.
Einfach nächste Wahl abwarten.
UPDATE VERFÜGBAR: AfD 55.0
Installieren?
JA.
Neustart erforderlich.
Ich frage mich, warum andere Parteien diese Methode noch nicht entdeckt haben.
SPD bei 15 Prozent?
„Beim nächsten Mal halt 35.“
Grüne bei 9?
„Dann eben 42.“
FDP draußen?
„2028: 61 Prozent. Believe me.“
So einfach wird Politik, wenn man Umfragen wie Wunschzettel behandelt.
Opposition ist weiterhin herrlich
Natürlich hat Siegmunds Gelassenheit einen Vorteil.
Falls es nicht zur Alleinregierung reicht, bleibt die Opposition.
Und Opposition ist wunderbar.
Man kann sagen:
Steuern runter!
Renten rauf!
Energie billiger!
Polizei stärker!
Bürokratie weg!
Und wenn jemand fragt:
„Wie genau?“
antwortet man:
„Mit vernünftiger Politik.“
Regieren wäre deutlich unangenehmer.
Dann kommt am Dienstagmorgen ein Beamter ins Büro und fragt:
„Herr Ministerpräsident, welche 800 Millionen Euro sollen wir konkret einsparen?“
Da hilft ein Wahlkampfslogan nur begrenzt.
55 Prozent? Warum so bescheiden?
Ich finde Siegmunds Prognose ohnehin viel zu vorsichtig.
Wenn wir Zahlen einfach festlegen, dann bitte richtig.
Warum 55?
Warum nicht 68?
Oder 83?
Mein neues Prognosemodell lautet:
Aktueller Wert: 41 Prozent.
Unzufriedenheit: plus 7.
Regierung hält möglicherweise nicht: plus 8.
Ein empörter Facebook-Kommentar: plus 11.
Ergebnis:
67 Prozent.
Wissenschaftlich nahezu sensationell.
Es gibt allerdings einen kleinen Haken:
Die Wähler.
Die besitzen nämlich die unangenehme Eigenschaft, ihre Meinung ändern zu können.
Demokratie hat leider keinen „Noch einmal, diesmal mehr“-Knopf.
Wie ineffizient.
Deshalb lautet Ronald Tramps wichtigste Erkenntnis:
Ein Wahlergebnis ist kein Treuebonusprogramm.
Man sammelt nicht bei jeder verpassten Mehrheit zehn Prozentpunkte und bekommt nach fünf Stempeln die Staatskanzlei gratis.
Ob es irgendwann wirklich 50 oder 55 Prozent werden, entscheidet am Ende nicht der Wunschzettel.
Sondern der Wähler.
Believe me.

