Romantik kann wunderschön sein. Manchmal ist sie aber auch so öffentlich, dass selbst Enten beschließen, sich diskret abzuwenden. Ronald Tramp reiste an den Burgerwaldsee und deckte auf, warum aus einem gewöhnlichen Badetag plötzlich der ungewöhnlichste Polizeieinsatz des Sommers wurde.
Liebe Freunde, ich habe schon vieles gesehen. Wirklich vieles. Politiker, die freiwillig ehrlich wirken wollten. Influencer, die behaupten, Filter seien nur "ganz leicht". Menschen, die bei 32 Grad freiwillig Socken in Sandalen tragen. Aber nichts – ich wiederhole: NICHTS – konnte mich auf den legendären Burgerwaldsee vorbereiten.
Ich traf dort ein, weil mir Informanten zugeraunt hatten: "Ronald, am See passiert etwas Großes."
Ich dachte natürlich sofort an ein Seeungeheuer. Vielleicht Nessie auf Deutschlandtournee. Vielleicht eine seltene Wasserschildkröte. Vielleicht sogar ein funktionierendes Behördenportal.
Doch nein.
Es war Liebe.
Sehr...
...sehr...
...SEHR öffentliche Liebe.
Während Familien ihre Picknickdecken ausbreiteten, Kinder Sandburgen bauten und Rentner diskutierten, ob das Wasser heute zwei Grad wärmer sei als gestern, entschloss sich ein verliebtes Pärchen offenbar, den gesamten Strand kostenlos mit einer Live-Aufführung ihrer Beziehungsgeschichte zu unterhalten.
Man hätte Eintritt verlangen können.
Ich stand dort mit meinem Reporterblock und dachte zunächst, es handle sich um eine neue olympische Disziplin.
Synchronromantik.
Wasserakrobatik.
Aquatisches Ausdruckstanzen.
Vielleicht trainierten sie heimlich für die Weltmeisterschaft im emotionalen Brustschwimmen.
Doch dann bemerkte ich die Gesichter der Badegäste.
Ein Vater hielt seinem Kind plötzlich demonstrativ ein Eis vor die Augen.
Eine ältere Dame begann hektisch Sudoku zu lösen, obwohl sie gar keinen Stift besaß.
Ein Hund schaute kurz aufs Wasser, winselte leise und ging freiwillig zurück zum Auto.
Selbst die Schwäne schienen zu denken:
"Freunde... wir sind zwar Tiere... aber SO machen wir das auch nicht."
Die Polizei beschreibt den Einsatz später als "ungewöhnlich".
Ungewöhnlich?
Das ist ungefähr so, als würde man einen Vulkanausbruch als "leicht erhöhte Bodentemperatur" bezeichnen.
Ich sprach mit einem Augenzeugen.
Er sagte:
"Ich wollte eigentlich nur baden."
Mutiger Mann.
Ein anderer erklärte:
"Ich dachte zuerst, die beiden machen Wassergymnastik."
Ja.
Technisch gesehen bewegten sie sich.
Rhythmisch.
Mit erstaunlichem Körpereinsatz.
Man könnte also durchaus argumentieren, dass Kalorien verbrannt wurden.
Fitnessstudios hassen diesen Trick.
Ich begann sofort zu recherchieren.
War das vielleicht Teil eines neuen Wellness-Konzepts?
"Aqua Love Extreme."
"Romantik im Freiwasser."
"Hydro-Partnerschaftstraining."
Vielleicht verkauft bald irgendein Influencer Online-Kurse.
Für nur 399 Euro.
Mit Zertifikat.
Natürlich.
In Deutschland dauert es bekanntlich nicht lange, bis irgendwo ein Gütesiegel auftaucht.
Ich erwartete bereits Schilder:
"Hier trainieren staatlich geprüfte Wasserromantiker."
Die Badegäste reagierten allerdings unterschiedlich.
Einige schauten peinlich berührt weg.
Andere schauten aus wissenschaftlichem Interesse erstaunlich lange hin.
Man kennt diese Blicke.
"Ich bin nicht neugierig..."
"...ich analysiere."
Plötzlich tauchte die Polizei auf.
Ich muss sagen:
Professioneller geht es kaum.
Stell dir vor, du wachst morgens auf.
Du glaubst, heute wirst du vielleicht einen Falschparker verwarnen.
Oder einen entlaufenen Dackel suchen.
Oder eine Katze vom Baum retten.
Und plötzlich lautet dein Einsatz:
"Bitte beenden Sie die Wassergymnastik der besonderen Art."
Dafür gibt es auf der Polizeischule wahrscheinlich kein eigenes Lehrbuch.
Kapitel 17:
"Wenn Liebe nasser wird als vorgesehen."
Die Beamten erklärten dem Paar die Grenzen des öffentlichen Anstands.
Das Paar zeigte sich laut Bericht allerdings uneinsichtig.
Uneinsichtig!
Das bewundere ich fast.
Man wird mitten aus einem Baggersee von der Polizei angesprochen und denkt sich offenbar:
"Wir diskutieren das jetzt aus."
Das ist Selbstbewusstsein auf einem Niveau, das normalerweise nur Menschen besitzen, die behaupten, ihre Passwortliste ausschließlich im Kopf gespeichert zu haben.
Am Ende gab es einen Platzverweis.
Ein Platzverweis!
Nicht einmal der See wollte offenbar noch Gastgeber dieser romantischen Großveranstaltung sein.
Ich stellte mir vor, wie der Burgerwaldsee selbst sprechen würde.
"Liebe Leute, ich bin zum Schwimmen da."
"Zum Plantschen."
"Zum Entspannen."
"Nicht als Kulisse für Reality-TV."
Sogar die Fische dürften an diesem Tag einiges fürs Leben gelernt haben.
Psychologische Betreuung für Karpfen wird vermutlich bald ein kommunales Thema.
Natürlich dauerte es keine fünf Minuten, bis irgendwo jemand behauptete, die Polizei habe die große Liebe verfolgt.
Unsinn!
Die Polizei hat niemandem verboten, verliebt zu sein.
Sie hat lediglich darauf hingewiesen, dass zwischen Romantik und Freiluftaufführung ein kleiner, aber durchaus bedeutsamer Unterschied existiert.
Man muss schließlich nicht jedes Gefühl mit Surround-Sound und Panoramaansicht präsentieren.
Ich sehe allerdings schon die wirtschaftlichen Chancen.
Reiseveranstalter könnten werben:
"Besuchen Sie den berühmtesten Baggersee Baden-Württembergs!"
"Inklusive romantischer Vergangenheit!"
"Jetzt mit familienfreundlicher Atmosphäre!"
Vielleicht entstehen bald Themenführungen.
"Hier begann der ungewöhnlichste Polizeieinsatz."
"Links sehen Sie die Liegewiese."
"Rechts den historischen Bereich der fragwürdigen Wassergymnastik."
Audioguide gegen Aufpreis.
Liebe ist etwas Wunderbares.
Sie macht Menschen glücklich.
Sie verbindet.
Sie schenkt Hoffnung.
Aber manchmal wäre sie noch wunderbarer, wenn sie sich daran erinnert, dass öffentliche Badeseen keine Theaterbühnen sind.
Und genau deshalb verlasse ich den Burgerwaldsee mit einer wichtigen journalistischen Erkenntnis:
Manche Menschen gehen schwimmen.
Andere gehen sonnenbaden.
Und wieder andere sorgen dafür, dass ein einfacher Polizeibericht plötzlich klingt wie die Inhaltsangabe einer romantischen Komödie, die versehentlich im Ordnungsamt produziert wurde.
Ich bin Ronald Tramp.
Ich decke auf.
Ich schwimme notfalls auch gegen den Strom.
Aber wenn am Baggersee plötzlich wieder "ungewöhnliche Wassergymnastik" angekündigt wird...
...nehme ich sicherheitshalber ein Fernglas mit.
Nicht zum Zuschauen.
Sondern um rechtzeitig die Polizei kommen zu sehen.

