Kanada stolpert ins Achtelfinale, Deutschland bereitet sich vor und Südkorea sucht Schuldige: Ronald Tramp nimmt die WM mit bissigem Humor auseinander.
Liebe Leute…
Manchmal gewinnt im Fußball die bessere Mannschaft.
Manchmal gewinnt die glücklichere.
Und manchmal gewinnt einfach die Mannschaft, die zufällig in der 92. Minute noch wach ist.
Willkommen bei Kanada gegen Südafrika.
Ich sage euch:
Dieses Spiel war kein Fußball.
Es war eine Geduldsprobe mit Eckbällen.
Die erste Halbzeit
Ich war voller Vorfreude.
WM.
K.-o.-Runde.
Volles Stadion.
Große Bühne.
Dann begann das Spiel.
Nach zehn Minuten fragte ich mich:
"Läuft das schon?"
Nach zwanzig Minuten:
"War das eben ein Pass oder ein Rückpass?"
Nach dreißig Minuten applaudierte das Publikum bereits, wenn jemand den Ball über zehn Meter geradeaus spielte.
Das nenne ich niedrige Erwartungen.
Die Chancen
Kanada hatte Chancen.
Südafrika hatte Ideen.
Leider trafen beide Eigenschaften nie gleichzeitig aufeinander.
Ein Kopfball.
Ein Schuss.
Ein weiterer Kopfball.
Ein Schuss daneben.
Ein Schuss drüber.
Ein Schuss irgendwohin.
Ich bin überzeugt:
Der Ball wollte selbst nicht ins Tor.
Ronald entdeckt das Erfolgsrezept
Trainer lieben komplizierte Taktiken.
Ich habe eine viel einfachere gefunden.
Man spielt 91 Minuten unauffällig.
Dann schießt man einmal aufs Tor.
Fertig.
Historischer Sieg.
Großartig.
Alphonso Davies
Dann kam Alphonso Davies.
Das Stadion jubelte.
Alle hofften:
Jetzt passiert etwas.
Es passierte tatsächlich etwas.
Mehr Bewegung.
Mehr Tempo.
Mehr Hoffnung.
Fast hätte man gedacht, jetzt beginne ein anderes Spiel.
Fast.
Die 92. Minute
Dann geschah das Unfassbare.
Tor.
Plötzlich standen alle auf.
Menschen schrien.
Fremde lagen sich in den Armen.
Reporter überschlugen sich.
Und ich dachte:
Das war vermutlich der teuerste einzelne Torschuss des Tages.
Kanada weiter.
Mission erfüllt.
Schönheitspreis verschoben.
Deutschland
Während Kanada jubelte, bereitete sich Deutschland auf Paraguay vor.
Natürlich sind alle optimistisch.
Natürlich heißt es wieder:
"Wir müssen unser Spiel durchziehen."
Ich frage mich jedes Mal:
Welches genau?
Das mit Ballbesitz?
Das mit Pressing?
Oder das mit kollektivem Herzrasen in der 88. Minute?
Ronald trifft Roque Santa Cruz
Roque Santa Cruz glaubt an Paraguay.
Das gefällt mir.
Optimismus gehört zum Fußball.
Er sagte sinngemäß:
"Je körperlicher das Spiel wird, desto besser."
Ich übersetze das einmal:
"Wir möchten Deutschland möglichst lange ärgern."
Ein durchaus nachvollziehbarer Plan.
Südkorea
Und dann Südkorea.
Kaum ausgeschieden, begann bereits das nationale Lieblingsspiel:
Schuldige suchen.
Trainer weg.
Reformen angekündigt.
Große Reden.
Ich bewundere diese Geschwindigkeit.
Manche Mannschaften brauchen länger für einen Einwurf.
Ronalds WM-Reform
Ich hätte eine Idee.
Nach jedem besonders langweiligen Spiel erhält das Publikum einen Bonuspunkt.
Ab drei Bonuspunkten gibt es kostenlos Popcorn.
Ab fünf Punkten eine Entschuldigung des Weltverbandes.
Und ab sieben Punkten darf jeder Zuschauer selbst zehn Minuten mitspielen.
Schlechter könnte es manchmal kaum werden.
Fußball bleibt das großartigste Spiel der Welt.
Selbst dann, wenn 89 Minuten lang kaum etwas passiert.
Denn genau deshalb reicht manchmal ein einziger Moment.
Ein Tor.
Ein Jubel.
Eine ganze Nation feiert.
Eine andere fährt nach Hause.
Trainer zittern.
Experten erklären hinterher, dass alles genau so geplant gewesen sei.
Und ich?
Ich habe wieder gelernt:
Im Fußball entscheidet nicht immer die schönste Leistung.
Manchmal reicht ein einziger Lucky Punch.
Und genau deshalb sitzen Millionen Menschen auch beim nächsten Spiel wieder vor dem Fernseher.
In der Hoffnung, dass diesmal vielleicht schon vor der Nachspielzeit etwas passiert.
Großartig.
Wirklich großartig.
Fast so spannend wie ein VAR-Check in Zeitlupe.
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