Früher gab es in deutschen Rathäusern zwei Menschen an der Spitze. Einer machte Verwaltung. Der andere hielt Reden. Heute macht einer beides – zumindest theoretisch. Praktisch scheint vielerorts jedoch eine neue Disziplin entstanden zu sein: Bürgermeister-Eventmanagement. Ronald Tramp hat sich auf Spurensuche zwischen Spatenstichen, Selfies und Schleifenschneiden begeben.
Ich sage euch:
Früher war Politik einfacher.
Da gab es einen Bürgermeister.
Und es gab einen Stadtdirektor.
Der Bürgermeister schüttelte Hände.
Der Stadtdirektor schüttelte Aktenordner.
Eine wunderbare Arbeitsteilung.
Der eine lächelte.
Der andere arbeitete.
Beide waren glücklich.
Dann kam irgendwann die große Reform.
"Wir machen alles einfacher", hieß es.
Ich liebe diesen Satz.
Immer wenn Politiker sagen, etwas werde einfacher, kauft man besser schon einmal Kaffee auf Vorrat.
Denn kompliziert wird es garantiert.
Heute gibt es vielerorts den hauptamtlichen Bürgermeister.
Er ist Chef der Verwaltung.
Chef der Politik.
Chef der Repräsentation.
Chef der Grußworte.
Chef der Eröffnungen.
Chef der Jubiläen.
Chef der Spatenstiche.
Chef der Bänder.
Chef der Scheren.
Chef der Selfies.
Und vermutlich auch Ehrenvorsitzender des örtlichen Luftballonvereins.
Der Kalender des modernen Bürgermeisters
Ich durfte exklusiv einen Terminplan einsehen.
Natürlich streng geheim.
08:00 Uhr
Eröffnung eines neuen Fahrradständers.
08:30 Uhr
Foto mit Grundschulklasse.
09:00 Uhr
Interview über nachhaltige Blumenkübel.
09:30 Uhr
Einweihung eines Zebrastreifens.
10:15 Uhr
Spatenstich für einen Spatenstich.
11:00 Uhr
Grußwort beim Seniorenchor.
12:00 Uhr
Mittagessen mit Fotograf.
13:00 Uhr
Pressefoto beim Pressetermin.
14:00 Uhr
Band durchschneiden.
15:00 Uhr
Noch ein Band.
16:00 Uhr
Sicherheitshalber ein drittes Band.
17:00 Uhr
Instagram-Reel.
18:00 Uhr
Empfang.
19:00 Uhr
Schützenfest.
20:00 Uhr
Schützenfest – zweiter Teil.
21:30 Uhr
Selfie-Marathon.
22:30 Uhr
Schnell noch Verwaltung.
Drei Minuten.
Dann Feierabend.
Die Verwaltung wartet
Währenddessen sitzt irgendwo im Rathaus ein Sachbearbeiter.
Vor ihm liegen 17 Akten.
Daneben 83 E-Mails.
Und ein Vorgang von 2022.
Er fragt vorsichtig:
"Könnte jemand entscheiden?"
Antwort:
"Der Bürgermeister ist gerade beim vierten Sommerfest."
Die neue Abteilung
Ich glaube mittlerweile, viele Rathäuser besitzen eine geheime Organisation.
Die Abteilung heißt:
"Referat für maximale Wiedererkennbarkeit."
Dort sitzen keine Verwaltungsfachleute.
Dort sitzen Experten für Kamerawinkel.
Lächelintensität.
Scherenhaltung.
Luftballonpositionierung.
Und die wichtigste aller Fragen:
"Von welcher Seite wirkt der Spaten besonders staatsmännisch?"
Das große Schleifenschneiden
Früher eröffnete man ein Gebäude.
Heute eröffnet man alles.
Bushaltestellen.
Parkbänke.
Mülleimer.
Blumenkübel.
Manchmal habe ich das Gefühl, wenn irgendwo ein neuer Papierkorb aufgestellt wird, erscheint automatisch eine Musikkapelle.
Drei Fotografen.
Zwei Drohnen.
Ein Rednerpult.
Und selbstverständlich ein rotes Band.
Ohne Band keine Demokratie.
Social Media regiert das Rathaus
Die eigentliche Verwaltung findet heute möglicherweise auf dem Smartphone statt.
"Der Bürgermeister besucht heute…"
"Der Bürgermeister freut sich heute…"
"Der Bürgermeister gratuliert heute…"
"Der Bürgermeister bedankt sich heute…"
"Der Bürgermeister wünscht einen schönen Donnerstag."
Ich warte noch auf:
"Der Bürgermeister hat erfolgreich den Drucker entstaut."
500 Likes.
Mindestens.
Ronald entdeckt das Wahlkampf-Perpetuum-Mobile
Alle fünf Jahre ist Wahl.
Also beginnt ungefähr am Tag nach der Wahl bereits die Vorbereitung auf die nächste.
Man optimiert Bilder.
Man plant Termine.
Man sucht Kulissen.
Ich bin überzeugt:
Es existiert irgendwo bereits ein Computerprogramm.
Es berechnet den perfekten Abstand zwischen Bürgermeister und Kindergartenkind.
Den optimalen Sonnenstand.
Und die statistisch ideale Anzahl von Luftballons pro Pressefoto.
Künstliche Intelligenz?
Nein.
Kommunale Wiederwahl-Intelligenz.
Die eigentlichen Helden
Bei allem Spaß:
Während draußen Kameras klicken, sorgen in den Rathäusern unzählige Beschäftigte dafür, dass Verwaltung überhaupt funktioniert.
Sie bearbeiten Bauanträge.
Zahlen Rechnungen.
Planen Schulen.
Organisieren Kitas.
Kümmern sich um Straßen.
Digitalisieren Akten.
Beantworten Bürgeranfragen.
Nur sieht man sie selten auf Titelseiten.
Denn eine perfekt bearbeitete Vergabeakte bekommt leider deutlich weniger Likes als ein Bürgermeister mit goldenem Spaten.
Ronald Tramps Reformvorschlag
Ich hätte da eine Idee.
Ein neues Amt.
Den Oberbanddurchschneider.
Er übernimmt alle Eröffnungen.
Alle Grußworte.
Alle Selfies.
Alle Festreden.
Alle Schleifen.
Alle Luftballons.
Alle symbolischen ersten Spatenstiche.
Währenddessen könnte sich der Bürgermeister gemeinsam mit der Verwaltung auf das konzentrieren, wofür das Amt ursprünglich gedacht ist:
Führen.
Entscheiden.
Organisieren.
Und Verwaltung leistungsfähig halten.
Das wäre revolutionär.
Vielleicht sogar effizient.
Die kommunale Demokratie lebt davon, dass Bürgermeister sichtbar und ansprechbar sind. Gleichzeitig lebt eine gute Verwaltung davon, dass Entscheidungen getroffen, Prozesse verbessert und Mitarbeitende unterstützt werden.
Zwischen diesen beiden Aufgaben die richtige Balance zu finden, ist vermutlich schwieriger als jede Eröffnung eines Kreisverkehrs mit Blaskapelle.
Sollte ich jemals Bürgermeister werden, verspreche ich deshalb Folgendes:
Ich werde maximal zwei Bänder pro Woche durchschneiden.
Mehr nur im absoluten Notfall.
Zum Beispiel, wenn ein neuer Aktenordner eingeweiht werden muss.
Oder ein besonders repräsentativer Papierkorb.
Man muss schließlich Prioritäten setzen.
Und genau deshalb sage ich:
Macht Verwaltung wieder groß!

