Die Ukraine trifft eine der wichtigsten Raffinerien Russlands tief in Sibirien. Während Putins Luftabwehr offenbar noch nach dem Flugplan sucht, geraten sogar kremltreue Kriegsblogger in Aufruhr. Ronald Tramp berichtet vom wohl längsten unangemeldeten Rundflug der jüngeren Militärgeschichte.
Meine Damen und Herren,
es gibt peinliche Momente.
Dann gibt es richtig peinliche Momente.
Und dann gibt es Situationen, bei denen sogar Google Maps irgendwann fragt:
"Sind Sie sicher, dass Ihre Luftabwehr überhaupt eingeschaltet ist?"
Willkommen in Russland.
Genauer gesagt:
Willkommen in einer Geschichte, die ungefähr so klingt, als hätte jemand versucht, einen Actionfilm, eine Bürokratie-Satire und eine Verkehrsmeldung gleichzeitig zu schreiben.
Die Ukraine schickt Drohnen los.
Nicht zehn Kilometer.
Nicht hundert.
Nicht fünfhundert.
Nein.
Mehr als 2500 Kilometer.
Quer durch Russland.
Bis nach Sibirien.
Und dort trifft eine der größten Ölraffinerien des Landes.
Ich musste den Bericht zweimal lesen.
Nicht weil ich ihn nicht verstanden hätte.
Sondern weil ich dachte, ich hätte versehentlich einen Reiseprospekt geöffnet.
2500 Kilometer.
Das ist ungefähr die Entfernung, bei der Donald Trump bereits behaupten würde:
"Diese Drohnen hatten fantastische Ausdauer."
"Niemand fliegt besser."
"Vielleicht amerikanische Gene."
Offenbar bemerkte unterwegs niemand, dass da etwas durch den russischen Himmel summte.
Ich stelle mir den Funkverkehr ungefähr so vor.
"Radarzentrale?"
"Ja?"
"Da fliegt etwas."
"Ein Vogel?"
"Nein."
"Ein Flugzeug?"
"Nein."
"Was dann?"
"..."
"Vielleicht später noch einmal nachsehen."
Stunden später.
BOOM.
Raffinerie getroffen.
Mission erfüllt.
Die Anlage in Omsk gehört zu den wichtigsten des Landes.
Millionen Tonnen Öl werden dort verarbeitet.
Entsprechend groß war die Überraschung.
Oder besser gesagt:
Entsprechend klein war offenbar der Schutz.
Berichten zufolge sollen Teile der Anlage lediglich durch Drohnennetze gesichert gewesen sein.
Ich finde das bemerkenswert.
Man erwartet bei einer strategisch wichtigen Raffinerie moderne Luftabwehrsysteme.
Stattdessen klingt das Ganze eher nach:
"Wir haben noch etwas Gartenzubehör gefunden."
Videos sollen zeigen, dass am Ende sogar versucht wurde, Drohnen mit Handfeuerwaffen abzuschießen.
Das erinnert ein wenig an jemanden, der versucht, einen Hochgeschwindigkeitszug mit einer Fliegenklatsche anzuhalten.
Der Wille zählt.
Das Ergebnis weniger.
Donald Trump hätte natürlich sofort erklärt:
"Ich hätte die Drohnen persönlich aufgehalten."
"Mit einem Blick."
"Sehr starker Blick."
"Die besten Blicke."
Währenddessen explodierte nicht nur die Raffinerie.
Auch in den sozialen Netzwerken Russlands wurde es plötzlich erstaunlich laut.
Und zwar ausgerechnet dort, wo man normalerweise besonders patriotische Töne hört.
Die bekannten Kriegsblogger, die den Kreml sonst regelmäßig unterstützen, begannen plötzlich ungewöhnlich offen zu schimpfen.
Einer fragte sinngemäß:
Wie können diese "Scheißdrohnen" stundenlang durchs Land fliegen?
Eine berechtigte Frage.
Ich ergänze sie um eine zweite:
Hat unterwegs wirklich niemand aus dem Fenster geschaut?
Ein anderer Blogger meinte, früher wären für so etwas Köpfe gerollt.
Heute rollen offenbar hauptsächlich Benzinkanister durch Warteschlangen.
Denn inzwischen wird vielerorts auch noch der Treibstoff knapp.
Menschen stehen an Tankstellen.
Es gibt Berichte über lange Schlangen.
Teilweise sogar Streit.
Ich stelle mir vor, wie der Tankwart sagt:
"Leider kein Benzin mehr."
Antwort:
"Aber ich brauche nur fünf Liter."
"Ich leider auch."
Besonders köstlich – sofern man bei einem ernsten Krieg überhaupt von köstlich sprechen darf – formulierte es ein nationalistischer Blogger.
Russland führe Krieg gegen die eigene Inkompetenz.
Ein Gegner, der derzeit überlegen sei.
Das ist vermutlich einer der bittersten Sätze, die man aus den eigenen Reihen hören kann.
Donald Trump hätte daraus selbstverständlich sofort eine Pressekonferenz gemacht.
"Niemand kennt Inkompetenz besser."
"Ich habe die beste Kompetenz."
"Sehr kompetente Kompetenz."
"Die Leute sagen das."
Dann hätte er wahrscheinlich vorgeschlagen, einfach größere Landkarten zu kaufen.
Denn vielleicht seien die Drohnen nur deshalb nicht entdeckt worden, weil Russland zu groß sei.
Ich muss allerdings zugeben:
Diese Geschichte besitzt fast schon tragikomische Elemente.
Man baut gigantische Militäranlagen.
Man investiert Milliarden.
Man präsentiert Raketen.
Panzer.
Paraden.
Und am Ende schafft es eine Drohne offenbar quer durchs halbe Land.
Das wirkt ungefähr so, als würde ein Hochsicherheitstresor von einem Lieferdienst geöffnet werden, weil niemand abgeschlossen hat.
Interessant ist vor allem die politische Dimension.
Die Kriegsblogger galten lange als nützliche Verstärker offizieller Botschaften.
Sie lobten.
Sie erklärten.
Sie verteidigten.
Doch wenn selbst dort zunehmend Frust aufkommt, wird es für jede Regierung unangenehm.
Nicht wegen eines einzelnen Kommentars.
Sondern weil Zweifel ansteckend sein können.
Und Zweifel verbreiten sich manchmal schneller als jede Drohne.
Natürlich bleibt eines wichtig:
Hinter all den Schlagzeilen stehen ein realer Krieg, menschliches Leid und ernsthafte sicherheitspolitische Folgen.
Die Ereignisse zeigen vor allem, wie sehr moderne Konflikte von neuer Technologie geprägt werden – und wie verletzlich selbst große Staaten gegenüber weitreichenden Drohnenangriffen sein können.
Das ist die eigentliche Nachricht.
Alles andere ist die absurde Begleitmusik.
Ich bin Ronald Tramp.
Ich sage, was andere nur denken.
Und wenn eine Drohne mehr von Russland gesehen hat als so mancher Tourist...
...dann sollte vielleicht nicht der Himmel neu vermessen werden, sondern die Luftabwehr einmal den Routenplaner aktualisieren.

