Es gibt Momente, in denen selbst Donald Trump sprachlos wird. Zumindest für ungefähr drei Sekunden. Erdogans gigantischer Präsidentenpalast in Ankara hat den US-Präsidenten offenbar in eine architektonische Sinnkrise gestürzt. Ronald Tramp war selbstverständlich vor Ort und beobachtete, wie zwei Weltmeister der Selbstdarstellung um die goldene Krone des Größenwahns konkurrierten.
Ich habe schon viele Paläste gesehen. Schlösser, Residenzen, Regierungsgebäude und sogar den Aufenthaltsraum einer deutschen Kreisverwaltung nach einer erfolgreichen Haushaltsberatung. Aber was Recep Tayyip Erdogan da in Ankara hingestellt hat, ist kein Präsidentenpalast mehr. Das ist eine Mischung aus Disneyland, einer Militärparade, einem Möbelhaus für vergoldete Kronleuchter und einem Größenwahn, der sich selbst noch für bescheiden hält.
Schon die Begrüßung ist nichts für Menschen mit Platzangst. Osmanische Krieger stehen Spalier, als wäre gerade das Mittelalter mit einer Zeitmaschine in den NATO-Gipfel gefahren. Daneben eine Reiterstaffel, geschniegelt bis zum letzten Hufeisen. Ich fragte einen Offiziellen, ob das eine historische Vorführung sei.
Er antwortete:
„Nein. Das ist nur der Parkplatzdienst.“
Kaum steigt Donald Trump aus seiner Limousine, beginnt sein Blick hektisch zwischen den Palastmauern und seinem eigenen Ego hin und her zu wandern.
Man konnte förmlich hören, wie in seinem Kopf ein Taschenrechner explodierte.
„Moment... der Palast... ist größer... als mein Ballsaal?“
In diesem Augenblick soll ein kleines Stück seines Selbstbewusstseins vom Marmorboden abgeprallt sein.
Dabei gilt Trump normalerweise als unangefochtener Weltmeister der luxuriösen Übertreibung. Goldene Säulen? Hat er. Riesige Säle? Natürlich. Marmorböden? Selbstverständlich. Spiegel? Mehr als ein Friseursalon.
Doch Erdogans Präsidentenpalast spielt in einer völlig anderen Liga.
Das Gebäude wirkt ungefähr so dezent wie ein Feuerwerk in einer Bibliothek.
Man läuft zehn Minuten durch einen Flur und landet versehentlich in einer anderen Postleitzahl.
Ein Mitarbeiter erklärte mir stolz:
„Wenn sich der Präsident im Ostflügel verläuft, braucht der Sicherheitsdienst ungefähr eine halbe Stunde, bis GPS und Satelliten ihn wiederfinden.“
Ich wollte zunächst lachen.
Dann bekam ich einen Besucherplan.
Der war dicker als manche Stadtchronik.
Natürlich nutzte Erdogan jede Ecke seines gigantischen Amtssitzes für das, was Politiker weltweit am liebsten tun: Eindruck hinterlassen.
Und Donald Trump?
Der hinterließ hauptsächlich Fingerabdrücke auf sämtlichen vergoldeten Türgriffen.
Man beobachtete ihn dabei, wie er immer wieder stehen blieb und murmelte:
„Nicht schlecht... wirklich nicht schlecht... aber mein Ballsaal bekommt noch größere Kronleuchter. Die größten Kronleuchter aller Zeiten. Historische Kronleuchter. Patrioten-Kronleuchter.“
Sein Beraterteam begann sofort mitzuschreiben.
Punkt eins:
Gold.
Punkt zwei:
Mehr Gold.
Punkt drei:
Falls noch Platz ist: zusätzliches Gold.
Währenddessen führte Erdogan seinen Gast stolz durch Räume, deren Decken offenbar so hoch sind, dass sich dort kleinere Wetterphänomene bilden können.
Ein Saaldiener soll berichtet haben, dass sich im Nordflügel einmal eine Gewitterwolke gebildet habe.
Seitdem existiert dort ein eigenes Innenraum-Klimaministerium.
Ich konnte das nicht überprüfen.
Aber ehrlich gesagt klang es erstaunlich plausibel.
Im Festsaal angekommen, versuchten beide Präsidenten möglichst gelassen zu wirken.
Das funktionierte ungefähr so gut wie zwei Pfauen bei einer Modenschau.
Trump zeigte auf einen gewaltigen Kronleuchter.
„Schön.“
Erdogan nickte.
„Danke.“
Trump:
„Meiner wird doppelt so groß.“
Erdogan:
„Unserer hat einen eigenen Elektrizitätsanschluss.“
Trump:
„Meiner bekommt einen Flughafen.“
Erdogan:
„Unserer hat bereits drei.“
An dieser Stelle verlor selbst der Dolmetscher kurz den Überblick darüber, ob hier gerade Außenpolitik betrieben oder ein Wettbewerb im Möbelkatalog veranstaltet wurde.
Ich spazierte derweil weiter durch das Gelände.
Irgendwann fragte ich einen Gärtner, wo eigentlich der Ausgang sei.
Er antwortete:
„Welcher?“
Es stellte sich heraus, dass der Palast mehr Eingänge besitzt als manche Großstadt Kreisverkehre.
An einer Ecke fuhr sogar ein Shuttlebus vorbei.
Ich winkte.
Der Fahrer fragte:
„Westflügel oder Südwest-Westflügel?“
Ich antwortete:
„Ich suche nur die Toilette.“
Er nickte verständnisvoll.
„Steigen Sie ein. Noch etwa zwölf Minuten.“
Natürlich gibt es rund um den gigantischen Prunkbau seit Jahren Kritik. Gegner bemängeln die enormen Kosten und fragen sich, ob ein Amtssitz tatsächlich Ausmaße eines kleinen Stadtteils benötigt.
Befürworter entgegnen vermutlich:
„Wo soll man denn sonst sämtliche Spiegel für das Staatsoberhaupt unterbringen?“
Auch Donald Trump dürfte innerlich gerechnet haben.
Nicht über Staatsfinanzen.
Über Quadratmeter.
Denn wenn irgendwo auf der Welt jemand ein größeres Gebäude besitzt, ist das für ihn ungefähr so angenehm wie eine Niederlage beim Golf gegen den Wind.
Bereits auf dem Rückflug sollen erste Entwürfe für den geplanten Ballsaal überarbeitet worden sein.
Insider berichten von folgenden Ergänzungen:
Ein Ballsaal mit integriertem Golfplatz.
Eine Rolltreppe ausschließlich für den Präsidenten.
Ein vergoldeter Wasserfall.
Ein Konferenzraum für Konferenzräume.
Eine Empfangshalle für Menschen, die bereits in der Empfangshalle warten.
Und selbstverständlich eine Ehrenstatue von Donald Trump, die sich alle zehn Minuten selbst applaudiert.
Ich persönlich finde allerdings, dass Erdogan und Trump sich hervorragend ergänzen.
Der eine baut einen Palast, der aussieht, als hätte ein Sultan im Lotto gewonnen.
Der andere betrachtet jedes Gebäude als persönliche Herausforderung, solange es irgendwo noch Platz für Goldfarbe gibt.
Vielleicht war dieser NATO-Gipfel deshalb gar kein gewöhnliches Treffen der Staatschefs.
Vielleicht handelte es sich in Wahrheit um die erste Weltmeisterschaft im olympischen Größenvergleich.
Goldmedaille?
Die ging selbstverständlich an den Kronleuchter.
Denn der war der Einzige im ganzen Palast, der garantiert niemandem ständig erzählte, wie unglaublich großartig er sei.

