17.000 Schreiben bleiben nach einem Software-Update einfach liegen – und wochenlang merkt es niemand. Ronald Tramp besucht Hamburgs modernste digitale Ablage: den elektronischen Papierkorb mit Geduldstest.
Ich bin Ronald Tramp, Reporter für Digitalisierung, Verwaltungswunder und Computerprogramme, die nach einem Update spontan beschließen, erst einmal Urlaub zu machen.
Und heute führt mich meine investigative Reise nach Hamburg.
Dort ist etwas passiert, das so modern, so digital und so unglaublich effizient ist, dass man eigentlich sofort einen Innovationspreis verleihen müsste:
Rund 17.000 Schreiben der Staatsanwaltschaft sind nach einer Software-Panne einfach liegen geblieben.
Nicht 17.
Nicht 170.
Sondern ungefähr 17.000.
Das ist keine technische Störung mehr. Das ist bereits eine mittelgroße Bibliothek mit Zustellhemmung.
Auslöser war offenbar ein Software-Update Anfang Juli. Danach tat das System das, was Software nach Updates besonders gerne tut:
Etwas anderes als vorher.
Sehr erfolgreich sogar.
Wo vorher Dokumente verschickt wurden, wurden sie anschließend offenbar vor allem eines:
nicht verschickt.
Und das Beste: Bemerkt wurde der Fehler erst Anfang September.
Meine Damen und Herren, das ist großartig.
Fast zwei Monate lang saß irgendwo ein digitales System herum und dachte sich offenbar:
„Heute nicht.“
Und niemand widersprach.
Das revolutionäre Schweige-Update
Normale Software-Updates haben Versionsnummern wie 5.2.1 oder 12.4.
Dieses hätte einen ehrlicheren Namen verdient:
Staatsanwalt Pro 2026 – Silent Edition.
Neue Funktionen:
Dokument erstellen? Ja.
Dokument speichern? Natürlich.
Dokument verschicken?
Nun wollen wir mal nicht übertreiben.
Ich sehe die Besprechung direkt vor mir.
„Wie läuft das neue Update?“
„Keine Fehlermeldungen.“
„Fantastisch!“
„Keine Beschwerden.“
„Noch besser!“
„Allerdings geht seit acht Wochen nichts raus.“
„Aber stabil?“
„Extrem stabil.“
Das muss diese berühmte deutsche Digitalisierung sein, von der seit ungefähr 1997 jeder spricht und die vermutlich sofort fertiggestellt wird, sobald das Faxgerät endlich im Ruhestand ist.
17.000 Schreiben machen Homeoffice
Unter den hängen gebliebenen Dokumenten waren unter anderem Aufforderungen zur Stellungnahme, Einstellungsmitteilungen und Hinweise darauf, dass Akten zur Einsicht bereitgestellt wurden.
Also vollkommen unwichtige Dinge.
Nur Justiz.
Nur Verfahren.
Nur Menschen, die möglicherweise darauf warten, zu erfahren, was eigentlich mit ihrer Angelegenheit passiert.
Man stelle sich einen Bürger vor.
Woche eins:
„Bestimmt kommt bald Post.“
Woche drei:
„Merkwürdig.“
Woche sechs:
„Vielleicht ist die Sache erledigt.“
Woche acht:
PING!
„Sehr geehrte Damen und Herren, wir möchten Ihnen mitteilen, dass unser Computer Sie zwischenzeitlich vergessen hatte.“
Natürlich war das nicht Absicht.
Der Computer hatte einfach eine administrative Auszeit.
Andere machen Sabbatical.
Die Software machte Sendbattical.
Die perfekte Behörden-KI
Besonders beeindruckt mich, dass die Panne offenbar erst von IT-Fachleuten Anfang September bemerkt wurde.
Das wirft eine faszinierende Frage auf:
Wie merkt man eigentlich, dass 17.000 Dokumente nicht verschickt wurden?
Wahrscheinlich beginnt es ganz subtil.
Ein Mitarbeiter sagt:
„Ist es nicht ungewöhnlich ruhig?“
Ein anderer antwortet:
„Nein, wir sind eine Behörde.“
Zwei Wochen später:
„Der Postausgang ist immer noch leer.“
„Großartig. Digitalisierung wirkt.“
Weitere zwei Wochen später:
„Wir haben 17.000 Dokumente im System.“
„Dann sind wir offenbar sehr produktiv.“
„Sie wurden nicht verschickt.“
Stille.
Dann kommt der IT-Mann.
Er schaut fünf Sekunden auf den Bildschirm und spricht den heiligen Satz aller Administratoren:
„Seit wann ist das so?“
Damit beginnt jede große technische Katastrophe.
Donald hätte das sofort gelöst
An dieser Stelle muss ich natürlich die große internationale Vergleichsstudie durchführen.
Donald Trump hätte diesen Fehler vermutlich schon deshalb schneller bemerkt, weil niemand 17.000 Schreiben zurückhalten könnte, ohne dass mindestens eines davon seinen Namen enthält.
Und dann hätte es sofort eine Pressekonferenz gegeben.
„Niemand verschickt Briefe besser als wir. Unglaubliche Briefe. Die besten Briefe. Viele Leute sagen, diese Briefe hätten verschickt werden sollen. Ich wusste das sofort. Die Software war wahrscheinlich sehr unfair.“
Anschließend würde vermutlich ein Dekret unterschrieben, wonach jedes Update künftig persönlich vom Präsidenten getestet wird.
Windows würde sich daraufhin freiwillig deinstallieren.
Willkommen bei Justiz 4.0
Doch man muss Hamburg zugutehalten: Die Schreiben wurden inzwischen nachträglich versandt.
Das bedeutet, das System funktioniert wieder.
Vermutlich.
Hoffentlich.
Vielleicht sollte zur Sicherheit jemand nachsehen.
Denn moderne IT hat eine wunderbare Eigenschaft: Sobald man einen Fehler beseitigt hat, entstehen meist zwei neue, damit sich niemand langweilt.
Und vielleicht war dieser Vorfall auch gar keine Panne.
Vielleicht war es ein Pilotprojekt.
Entschleunigte Justizzustellung.
Das Schreiben erreicht den Bürger nicht sofort, sondern erst dann, wenn er innerlich bereit dafür ist.
Digitale Achtsamkeit.
Behördliches Slow Mailing.
Andere Städte verschicken Post.
Hamburg lässt sie erst reifen.
Wie Käse.
Mein Reformvorschlag
Ich habe daher einen revolutionären Vorschlag für die deutsche Verwaltung:
Nach jedem Software-Update wird getestet, ob die Software noch das tut, wofür sie angeschafft wurde.
Ich weiß.
Radikal.
Vielleicht sogar disruptiv.
Man könnte beispielsweise ein Testdokument verschicken.
Nur eines.
„Hallo Testempfänger, wenn Sie das lesen können, funktioniert unser System.“
Kommt es an: wunderbar.
Kommt es nicht an: Vielleicht nicht erst 17.000 Schreiben später nachsehen.
Aber was weiß ich schon?
Ich bin nur Ronald Tramp.
Ich verstehe nichts von moderner Verwaltung.
Ich dachte bisher naiverweise, ein Postausgang habe die Aufgabe, Post auszugeben.
Hamburg hat mich eines Besseren belehrt.
Dort bedeutet „Postausgang“ offenbar:
Die Post möchte gerne irgendwann ausgehen.
Und irgendwo in einem Rechenzentrum sitzt vermutlich gerade ein Server, blickt zufrieden auf seine Arbeit und denkt:
„17.000 Dokumente auf einmal verschickt.“
Produktivität: 100 Prozent.
Dass es zwei Monate zu spät war?
Details.
In der Digitalisierung nennt man das wahrscheinlich:
Feature mit Verzögerung.

