Donald Trump will amerikanische Unternehmen unter staatlicher Aufsicht zu offensiven Cyberoperationen losschicken. Wer eine Million Dollar Kaution hinterlegt, darf womöglich bald digitale Piraten jagen. Ronald Tramp präsentiert die Privatisierung des Cyberkriegs – schneller, größer und vermutlich mit Premium-Abo.
Meine Damen und Herren, hier spricht Ronald Tramp, Ihr mehrfach unzertifizierter Sonderkorrespondent für Cyberkriege, Wirtschaftswunder und politische Ideen, bei denen selbst ein Hollywood-Produzent sagt: „Das ist mir etwas zu unrealistisch.“
Heute geht es um eine historische Entscheidung. Eine gewaltige Entscheidung. Vielleicht die größte Entscheidung, seit ein Mensch zum ersten Mal ein Passwort auf einen gelben Klebezettel schrieb und diesen direkt an den Monitor heftete.
US-Präsident Donald Trump will privatwirtschaftlichen Unternehmen erlauben, staatlich genehmigte Cyberangriffe im Ausland durchzuführen. Sie haben richtig gehört: Amerika privatisiert jetzt nicht nur Gefängnisse, Raumfahrt, Paketlieferungen und die Herstellung von Frühstücksflocken, sondern möglicherweise auch den offensiven Cyberkrieg.
Endlich Wettbewerb!
Bisher wurden staatliche Cyberoperationen von Behörden durchgeführt. Langsam, geheim, bürokratisch und vermutlich mit Formularen, die nur über ein Faxgerät in einem fensterlosen Keller eingereicht werden konnten. Künftig könnten private Unternehmen übernehmen.
Schneller. Innovativer. Effizienter. Und selbstverständlich mit einer Kundenhotline, die Ihnen erklärt, dass Ihr Cyberangriff aufgrund eines außergewöhnlich hohen Anfragevolumens derzeit leider nicht bearbeitet werden kann.
Donald Trump hat den Plan gemeinsam mit weiten Teilen seiner Regierung in einem Memorandum öffentlich gemacht. Darin wird das National Coordination Center – kurz NCC – angewiesen, ein entsprechendes Programm aufzubauen. Teilnehmende Unternehmen sollen Cyberüberwachung und offensive Operationen gegen ausländische transnationale kriminelle Organisationen durchführen dürfen.
Das klingt zunächst sehr staatstragend. „Cyberüberwachung und offensive Operationen“ ist schließlich die offizielle Formulierung für: Jemand sitzt vor einem Computer und tut Dinge, die bei normalen Menschen zur sofortigen Sperrung des Internetanschlusses führen würden.
Doch hier geschieht alles mit Genehmigung.
Die US-Regierung soll die Ziele bestimmen, Informationen liefern, Einsätze freigeben und die Operationen jederzeit kontrollieren können. Es handelt sich also nicht um digitale Selbstjustiz. Es ist beaufsichtigte digitale Selbstjustiz mit Vertrag, Kaution und wahrscheinlich einem wöchentlichen Statusmeeting.
„Was haben Sie diese Woche erreicht?“
„Wir haben ein kriminelles Netzwerk lahmgelegt.“
„Ausgezeichnet.“
„Außerdem versehentlich die Website einer bulgarischen Hundeschule.“
„Bitte als Kollateraldigitalisierung im Abschlussbericht vermerken.“
Die Idee wird mit der enormen Gefahr begründet, die von internationalen Cyberkriminellen ausgeht. Ransomware, Betrug, Datendiebstahl, Erpressung und andere Angriffe bedrohen Menschen, Unternehmen und die nationale Sicherheit. Das ist ein echtes und ernstes Problem.
Doch die vorgeschlagene Lösung trägt unverkennbar die Handschrift des modernen Washington: Wenn etwas gefährlich, kompliziert und international ist, lässt man die Privatwirtschaft darauf los.
Warum? Weil die amerikanische Wirtschaft laut Memorandum die innovativste und technologisch fortschrittlichste der Welt sei.
Und das stimmt natürlich. Die USA haben Smartphones, Elektroautos, wiederverwendbare Raketen und Kühlschränke entwickelt, die eine E-Mail schicken können, wenn die Milch leer ist. Andere Kühlschränke schweigen einfach. Sehr schwache Kühlschränke.
Diese enorme Leistungsfähigkeit sei im Kampf gegen kriminelle Netzwerke bislang nicht ausreichend genutzt worden. Anders gesagt: Amerika besitzt tausende Softwareunternehmen, Sicherheitsfirmen, Cloudanbieter und Programmierer – und viele von ihnen verbringen den Tag damit, neue Möglichkeiten zu entwickeln, wie ein Toaster mit dem Internet verbunden werden kann.
Nun sollen sie etwas Sinnvolleres tun: Cyberkriminelle jagen.
Ich sehe bereits die ersten Stellenausschreibungen:
„Dynamisches Technologieunternehmen sucht motivierte Mitarbeiter für internationale offensive Cyberoperationen. Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice möglich, Erfahrung mit staatlich genehmigten Gegenschlägen von Vorteil. Obstkorb vorhanden.“
Natürlich darf nicht jedes Unternehmen einfach loslegen. Für die Teilnahme sollen mindestens eine Million US-Dollar auf einem Treuhandkonto hinterlegt werden. Eine Million!
Das ist eine Cyberkaution.
Wenn sich das Unternehmen nicht an die vertraglichen Bedingungen hält, wird das Geld gepfändet. Damit wäre erstmals in der Geschichte sichergestellt, dass ein internationaler Cyberzwischenfall mit derselben Methode verhindert wird wie die Beschädigung einer gemieteten Ferienwohnung.
„Bitte hinterlassen Sie das Netzwerk so, wie Sie es vorgefunden haben. Keine Partys. Keine fremden Geräte. Und falls Sie versehentlich die Stromversorgung eines Landes ausschalten, behalten wir die Kaution ein.“
Eine Million Dollar klingt nach viel Geld. Im Cyberkrieg ist es allerdings möglicherweise nur der Betrag, den ein mittelgroßes Beratungsunternehmen für die erste PowerPoint-Präsentation verlangt.
Die Summe soll Verantwortung schaffen. Doch große Technologiekonzerne werden vermutlich sagen: „Eine Million? Ist das pro Einsatz oder können wir gleich ein Jahresabo buchen?“
Es könnte verschiedene Pakete geben.
Das Basismodell umfasst die Überwachung eines kriminellen Netzwerks und zwei offensive Operationen pro Monat. Im Premiumtarif gibt es unbegrenzte Zugriffe, priorisierte Regierungsfreigaben und einen persönlichen Cyberberater. Beim Familienpaket dürfen bis zu fünf Tochtergesellschaften gleichzeitig teilnehmen.
Natürlich alles monatlich kündbar – außer während einer internationalen Krise.
Experten fühlen sich bei dem Plan an die historischen Kaperbriefe erinnert. Damals ermächtigten Staaten private Seefahrer, feindliche Schiffe aufzubringen. Diese Männer wurden als Freibeuter bezeichnet. Sie waren im Grunde Piraten mit amtlichem Schreiben.
Heute kehrt das Prinzip zurück. Nur ohne Segelschiff, Augenklappe und Papagei.
Der moderne Cyberfreibeuter trägt Kapuzenpullover, besitzt drei Monitore und sagt Dinge wie: „Wir müssen den Angriffsvektor skalieren.“ Sein Papagei ist ein KI-Assistent, der ständig empfiehlt, das Passwort zu ändern.
Früher sagte der König: „Hier ist ein Brief. Kapert die Schiffe unserer Feinde.“
Heute sagt die Regierung: „Hier ist ein digital signierter Vertrag. Bitte stören Sie die Infrastruktur einer transnationalen kriminellen Organisation, beachten Sie dabei aber unsere Compliance-Richtlinie und bestätigen Sie anschließend die Datenschutzerklärung.“
Das goldene Zeitalter der Piraterie ist zurück – mit Zwei-Faktor-Authentifizierung.
Die Befürworter sehen darin eine notwendige Verstärkung staatlicher Fähigkeiten. Private Sicherheitsunternehmen verfügen über hoch spezialisierte Fachkräfte, moderne Technologien und enorme Rechenleistung. Sie können häufig schneller handeln als Behörden und kennen die Methoden von Angreifern sehr genau.
Die Kritiker hingegen fragen: Was könnte möglicherweise schiefgehen, wenn profitorientierte Unternehmen staatlich genehmigte Cyberangriffe im Ausland durchführen?
Eine ausgezeichnete Frage. Vielleicht sogar die letzte Frage, bevor sämtliche Bildschirme schwarz werden.
Wer stellt sicher, dass nur die richtigen Ziele angegriffen werden? Was passiert, wenn ein Unternehmen falsche Informationen erhält? Wer haftet, wenn ein Angriff über das Ziel hinausschießt? Und wie verhindert man, dass aus einem klar begrenzten Auftrag eine digitale Rabattwoche wird?
„Diese Woche: Drei Netzwerke angreifen, nur zwei bezahlen!“
Die Regierung verspricht Kontrolle. Jede Operation soll freigegeben und überwacht werden. Das ist beruhigend. Allerdings wissen wir alle, wie staatliche Kontrolle in Kombination mit privaten Auftragnehmern funktionieren kann.
Zunächst gibt es einen Vertrag über zehn Seiten. Danach folgen 400 Seiten Ausführungsbestimmungen, zwölf Unterauftragnehmer, drei Cloudplattformen und ein Praktikant, der versehentlich im falschen Gruppenchat fragt: „Welches Land war heute noch einmal das Ziel?“
Besonders interessant wird die internationale Reaktion. Staaten wie China, Russland und Iran arbeiten Berichten zufolge bereits mit nicht staatlichen Cyberakteuren oder dulden deren Aktivitäten. Allerdings ist der genaue Grad der Kontrolle häufig unklar.
Die USA wollen nun offenbar sagen: „Ihr habt inoffizielle Hacker? Wir haben offizielle Hacker mit Treuhandkonto.“
Das ist typisch amerikanisch. Andere Länder betreiben geheimnisvolle Schattenoperationen. Amerika macht daraus ein reguliertes Geschäftsmodell mit Lizenzbedingungen, Kaution und möglicherweise Bonusprogramm.
Nach zehn erfolgreichen Operationen ist die elfte kostenlos.
Natürlich könnte das System auch enorme Innovationskraft freisetzen. Start-ups werden gegründet. Investoren steigen ein. Auf Technologiekonferenzen präsentieren junge Gründer ihre Geschäftsideen:
„Wir sind das Uber für staatlich sanktionierte Cybergegenangriffe.“
„Was unterscheidet Sie vom Wettbewerb?“
„Unsere Benutzeroberfläche ist schöner.“
Bald erscheinen Rankings: „Die zehn besten privaten Cyberfreibeuter des Jahres“. Bewertet werden Reaktionszeit, Zielgenauigkeit, Kundenzufriedenheit und die Frage, wie selten sie versehentlich einen Krankenhausserver in Slowenien lahmlegen.
Auch Versicherungen werden nicht lange auf sich warten lassen. Cyberangriffs-Haftpflicht, Eskalationsschutz und internationale Fehlzielversicherung. Für einen kleinen Aufpreis gibt es das Paket „Diplomatische Krise Plus“.
Die Vertragsbedingungen lauten vermutlich: Schäden durch Krieg, Bürgerkrieg, höhere Gewalt und besonders schlechte Passwörter sind ausgeschlossen.
Und wo Geld verdient werden kann, entsteht selbstverständlich Lobbyarbeit. Private Anbieter werden nach Washington reisen und erklären, warum sie mehr Aufträge benötigen.
„Die Bedrohungslage ist dramatisch“, wird der Vorstandsvorsitzende sagen.
„Wie dramatisch?“
„Unser Umsatz könnte um 40 Prozent steigen.“
Ich, Ronald Tramp, sehe schon die Zukunft: Cyberunternehmen mit patriotischen Werbespots, wehenden Flaggen und ernst blickenden Programmierern.
„Wir schützen Amerika – Zeile für Zeile.“
Danach erscheint das Kleingedruckte: „Operative Erfolge können variieren. Nicht in allen Ländern verfügbar. Teilnahmebedingungen gelten.“
Trotz aller Satire bleibt das eigentliche Problem sehr ernst. Internationale Cyberkriminalität verursacht enorme Schäden. Menschen verlieren Ersparnisse, Unternehmen werden erpresst, Daten gestohlen und kritische Infrastrukturen angegriffen. Staaten müssen neue Wege finden, um schneller und wirksamer zu reagieren.
Doch zwischen einer besseren Zusammenarbeit mit privaten Sicherheitsfirmen und der Schaffung digitaler Freibeuter liegt ein ziemlich großer Ozean. Und auf diesem Ozean schwimmen Haftungsfragen, Eskalationsrisiken und sehr viele Juristen.
Vielleicht funktioniert das Programm hervorragend. Vielleicht werden kriminelle Netzwerke wirksam gestört. Vielleicht entsteht tatsächlich ein entscheidender Vorteil im Kampf gegen Cyberbanden.
Oder vielleicht erleben wir bald den ersten internationalen Zwischenfall, weil ein privates Unternehmen bei der Eingabe der Zieladresse einen Buchstaben vergessen hat.
Dann wird Donald Trump vor die Kameras treten und sagen: „Es war ein sehr kleiner Tippfehler. Der beste Tippfehler. Niemand tippt besser falsch als wir.“
Die eine Million Dollar Kaution wird eingezogen.
Das Unternehmen beantragt Insolvenz.
Und der Praktikant aktualisiert seinen Lebenslauf.
Hier war Ronald Tramp – Ihr zertifizierter Berichterstatter für digitale Kaperfahrten. Früher brauchten Piraten ein Schiff, Kanonen und einen Papagei. Heute brauchen sie einen Regierungsvertrag, Glasfaser und ausreichend Guthaben auf dem Treuhandkonto.
Fortschritt, meine Damen und Herren. Gewaltiger Fortschritt.

