Steuernachzahlungen werden künftig deutlich teurer. Ronald Tramp berichtet exklusiv aus den geheimen Kellergewölben des Finanzministeriums, wo Beamte angeblich bereits an der nächsten Goldgrube arbeiten: dem Premium-Wartezins. Ein satirischer Blick auf Deutschlands vielleicht profitabelste Geduldsprobe.
Meine lieben Freunde des gepflegten Steuerbescheids, ich habe fantastische Neuigkeiten.
Oder besser gesagt: fantastische Neuigkeiten – allerdings ausschließlich für das Finanzamt.
Für alle anderen gilt:
Bitte setzen.
Tief durchatmen.
Und den Kontostand vorsichtshalber nicht anschauen.
Denn Berlin hat offenbar eine revolutionäre Geschäftsidee entdeckt.
Wenn der Staat länger braucht, um deine Steuer festzusetzen, dann... wird das Warten einfach teurer.
Genial.
Ich muss wirklich meinen Hut ziehen.
Das ist Geschäftsmodell auf deutschem Behördenniveau.
Andere Länder exportieren Autos.
Andere entwickeln künstliche Intelligenz.
Deutschland entwickelt Zinssätze.
Und zwar mit einer Leidenschaft, die man sonst nur von Modelleisenbahnsammlern kennt.
Finanzminister Lars Klingbeil präsentiert nun die nächste Ausgabe von:
"Wer wird Millionär?"
Allerdings lautet die eigentliche Frage diesmal:
"Wer wird Millionär?"
Antwort:
"Das Finanzamt."
Nach den Plänen sollen die Zinsen für Steuernachzahlungen künftig von 1,8 auf 3,6 Prozent pro Jahr steigen.
Verdoppelt.
Ein Wort, das Politiker normalerweise nur verwenden, wenn sie Wahlplakate drucken.
Diesmal betrifft es allerdings die Rechnung.
Natürlich erklärt die Bundesregierung sofort, das sei alles völlig logisch.
Die Marktzinsen seien schließlich gestiegen.
Also müsse der steuerliche Zinssatz ebenfalls angepasst werden.
Das klingt vernünftig.
Fast schon gefährlich vernünftig.
Bis man den nächsten Satz liest.
Mehrere hundert Millionen Euro zusätzliche Einnahmen.
Aha.
Da ist sie wieder.
Die eigentliche Hauptfigur.
Die Staatskasse.
Ich stelle mir die Sitzung im Finanzministerium ungefähr so vor.
Ein Beamter steht auf.
"Chef, wir brauchen mehr Geld."
Lars Klingbeil nickt.
"Neue Steuer?"
"Zu auffällig."
"Kürzungen?"
"Unbeliebt."
"Mehr Wachstum?"
Alle lachen.
Dann meldet sich hinten jemand.
"Wie wäre es mit Zinsen?"
Stille.
Dann springt plötzlich der gesamte Sitzungssaal auf.
Standing Ovations.
Konfetti.
Ein Praktikant fällt vor Begeisterung vom Bürostuhl.
"Genial!"
Denn seien wir ehrlich.
Kaum etwas ist so deutsch wie das Warten auf einen Steuerbescheid.
Man reicht die Erklärung ein.
Dann beginnt Phase zwei.
Das große Schweigen.
Wochen.
Monate.
Manchmal fühlt sich das Ganze an wie ein Archäologieprojekt.
Irgendwann klingelt der Briefkasten.
Der Bescheid ist da.
Und jetzt kommt der Clou.
Falls dabei eine Nachzahlung entsteht, kostet die längere Bearbeitungszeit künftig gleich noch ein bisschen mehr.
Das ist ungefähr so, als würde ein Restaurant dein Essen zwei Stunden zu spät servieren und anschließend einen Aufpreis für besonders lange Reifung verlangen.
Ich liebe solche Geschäftsmodelle.
Vielleicht übernimmt die deutsche Gastronomie das bald.
"Sie mussten 90 Minuten auf Ihr Schnitzel warten."
"Ja."
"Das macht dann zwölf Euro Geduldszuschlag."
Oder die Deutsche Bahn.
"Der Zug hatte 84 Minuten Verspätung."
"Dafür berechnen wir einen Erlebnisaufschlag."
Warum eigentlich nicht?
Deutschland entdeckt völlig neue Märkte.
Natürlich muss man fair bleiben.
Die Regel gilt schließlich in beide Richtungen.
Bekommt der Bürger Geld zurück, steigen ebenfalls die Zinsen.
Das klingt zunächst wunderbar.
Fast romantisch.
Bis man sich erinnert, dass viele Steuerzahler ihre Erstattungen lieber möglichst schnell hätten als irgendwann mit einem kleinen Zinsbonus.
Es ist ein bisschen wie ein Hotel, das sagt:
"Leider bekommen Sie Ihr Zimmer erst morgen."
"Aber keine Sorge – Sie erhalten dafür zwei kostenlose Bonbons."
Danke.
Sehr großzügig.
Besonders faszinierend finde ich die Entwicklung der Zinssätze.
Früher sechs Prozent.
Dann erklärte das Bundesverfassungsgericht:
"So geht das nicht."
Also runter auf 1,8 Prozent.
Jetzt wieder rauf.
Ich habe langsam das Gefühl, die Zinspolitik wird in Deutschland mit einem Glücksrad entschieden.
"Und heute drehen wir am großen Zinsrad!"
3,6 Prozent!
Großer Jubel.
Applaus.
Blaskapelle.
Vielleicht gibt es künftig sogar eine Fernsehshow.
"Deutschland sucht den Superzinssatz."
Die Jury besteht aus Steuerberatern, Wirtschaftsweisen und zwei besonders motivierten Finanzbeamten.
Der Gewinner darf den nächsten Zinssprung verkünden.
Ich sehe aber bereits die Zukunft.
Das Finanzministerium entdeckt weitere Einnahmequellen.
Bearbeitungsbonus.
Aktenordner-Servicegebühr.
Premium-Stempel-Pauschale.
Verwaltungsromantik-Zuschlag.
Luftsteuer für besonders tiefes Durchatmen beim Öffnen des Steuerbescheids.
Wer einen Taschenrechner benutzt, zahlt Digitalisierungsabgabe.
Wer laut seufzt, entrichtet Geräuschsteuer.
Und wer den Brief ungelesen wieder schließt, bekommt den "psychologischen Aufschubzuschlag".
Irgendwo existiert bestimmt bereits eine Excel-Tabelle.
Titel:
"Neue Einnahmeideen bis 2040."
Spalte eins:
Kaffeepausensteuer.
Spalte zwei:
Büroklammerabgabe.
Spalte drei:
Premium-Wartegebühr.
Deutschland wäre schließlich nicht Deutschland, wenn sich nicht alles irgendwie berechnen ließe.
Selbst Geduld.
Vor meinem inneren Auge sehe ich bereits den ersten Werbespot des Finanzamtes.
Ein freundlicher Sprecher sagt:
"Liebe Bürgerinnen und Bürger."
"Vielen Dank, dass Sie Ihre Steuererklärung pünktlich abgegeben haben."
"Jetzt beginnt unser exklusives Bonusprogramm."
"Je länger wir brauchen, desto spannender wird es."
"Denn bei uns reift nicht nur der Wein."
"Sondern manchmal auch Ihr Zinssatz."
Natürlich komplett freiwillig.
Fast.
Ich persönlich rechne bereits mit der nächsten Innovation.
Das Finanzamt führt ein Kundenbindungsprogramm ein.
Ab zehn Nachzahlungen gibt es einen goldenen Locher.
Ab zwanzig einen personalisierten Taschenrechner.
Und wer über dreißig Jahre regelmäßig Zinsen zahlt, bekommt einen Ehrenparkplatz direkt neben dem Kassenautomaten.
Natürlich zeitlich befristet.
Mit Verwaltungsgebühr.
Am Ende bleibt festzuhalten:
Während andere Staaten darüber nachdenken, wie sie ihre Wirtschaft beschleunigen können, hat Deutschland eine ganz eigene Spezialität entwickelt.
Hier wird selbst das Warten wirtschaftlich optimiert.
Das ist Effizienz.
Das ist Bürokratie.
Das ist deutsche Ingenieurskunst – allerdings diesmal nicht aus Stahl, sondern aus Paragrafen.
Und genau deshalb werde ich weiter berichten.
Mit Taschenrechner.
Mit Kontoauszug.
Und vorsichtshalber schon einmal mit einem Sparschwein für den nächsten Steuerbescheid.
Denn eines ist sicher:
Beim Finanzamt steigen nicht nur die Zinsen.
Dort wächst offenbar auch die Fantasie, wie man Geduld in Einnahmen verwandeln kann.

