Regen, Donner, „Pinocchio“-Rufe und ein exzellentes Matjesbrötchen: Ronald Tramp begleitet Friedrich Merz beim politischen Boxenstopp in Kühlungsborn – inklusive Kegelrobbenkrise und Express-Bürgerdialog.
Von Ronald Tramp, Küstenreporter für Fischbrötchen, Wahlkampfgewitter und politische Kurzaufenthalte
Meine lieben Freunde der gepflegten Demokratie, der deutschen Ostseeküste und des einzigen Landes der Welt, in dem ein Bundeskanzler offenbar gleichzeitig gegen Regen, Kegelrobben, Zwischenrufe und den Fahrplan nach Sachsen-Anhalt Wahlkampf machen muss!
Friedrich Merz kommt nach Kühlungsborn.
Der Wetterbericht meldet:
Regen. Donner. Merz.
In genau dieser Reihenfolge.
Sogar das Gewitter war pünktlicher als der Bundeskanzler.
Ich, Ronald Tramp, sage:
VERY BAD SCHEDULING!
Aber vielleicht war das Wetter auch nur das Vorprogramm.
Donner über der Ostsee.
Dunkle Wolken.
Wind.
Und irgendwo hinter dem Horizont nähert sich die Kanzlerkolonne.
Hollywood hätte dafür 40 Millionen Dollar Spezialeffektbudget verlangt.
Mecklenburg-Vorpommern bekommt es kostenlos.
OPERATION MATJES FREEDOM
Bevor ein deutscher Kanzler mit Bürgern sprechen kann, muss selbstverständlich zunächst die wichtigste Frage der nationalen Sicherheit geklärt werden:
Wie schmeckt das Fischbrötchen?
Merz biss in ein Matjesbrötchen und urteilte:
„exzellent gut“.
Das ist stark.
Nicht einfach „gut“.
Nicht „lecker“.
EXZELLENT GUT!
Das klingt wie ein Arbeitszeugnis für einen Hering.
„Herr Matjes erfüllte die ihm übertragenen Aufgaben stets exzellent gut und verließ das Brötchen auf eigenen Wunsch.“
Ich fordere deshalb sofort:
MATJES FOR BUNDESVERDIENSTKREUZ!
Endlich ein politischer Akteur, der in Kühlungsborn vollständig überzeugen konnte.
Der Fischer bringt schlechte Nachrichten
Dann passiert etwas Gefährliches.
Der Sohn des Restaurantinhabers ist selbst Fischer und erklärt Merz die Probleme der Küstenfischerei.
Fangbeschränkungen.
Kegelrobben.
Wirtschaftlicher Druck.
Sein düsteres Fazit: Man sei dabei, die Küstenfischerei in Mecklenburg-Vorpommern abzuschaffen.
Und hier sehen wir das große Problem politischer Restaurantbesuche:
Eigentlich möchte man nur fotogen in ein regionales Lebensmittel beißen.
Und plötzlich kommt jemand mit Sachpolitik!
KATASTROPHE!
Das ist wie beim Weihnachtsmarkt.
Politiker möchte Glühwein trinken.
Standbesitzer:
„Herr Bundeskanzler, wir müssen über Energiekosten und Gewerbesteuer sprechen.“
Politiker:
„Kann ich vielleicht noch einmal am Glühwein nippen?“
Kegelrobben übernehmen Mecklenburg-Vorpommern
Mich interessiert allerdings die Sache mit den Kegelrobben.
Offenbar machen auch sie den Fischern Konkurrenz.
Damit haben wir endlich den nächsten großen deutschen Verteilungskonflikt:
MENSCH GEGEN ROBBE.
Ich sehe bereits die Talkshow.
Moderatorin:
„Herr Merz, wie wollen Sie die Küstenfischerei retten?“
Merz:
„Wir müssen wettbewerbsfähiger werden.“
Kegelrobbe:
„ÖÖÖÖÖH!“
Publikum applaudiert.
Umfrage am nächsten Morgen:
Kegelrobbe 37 Prozent.
CDU 24.
AfD 26.
SPD 9.
FDP statistisch im Hafenbecken.
Die Kegelrobbe erklärt anschließend, für Koalitionsgespräche nicht zur Verfügung zu stehen.
Und dann kommen die Bürger
Draußen wartet eine ordentliche Menschenmenge.
Es regnet.
Wahlkämpfer verteilen Regenschutztüten und Fischbrötchen.
Das ist praktisch die komplette deutsche Wahlkampfstrategie:
OBEN PLASTIK. UNTEN HERING. DAZWISCHEN DEMOKRATIE.
Dann erscheint der Kanzler.
Und statt Jubel gibt es unter anderem:
„Pinocchio!“
„Rücktritt!“
und „Kriegstreiber!“
Andere Menschen im Publikum widersprechen und mahnen zu mehr Anstand.
Deutschland diskutiert.
Im Regen.
Mit Fischbrötchen.
Hinter einem Absperrgitter.
THIS IS DEMOCRACY, BABY!
Mehr Deutschland passt kaum in eine Szene.
Es fehlt eigentlich nur noch jemand, der erklärt, dass das Absperrgitter wegen einer fehlenden DIN-Zertifizierung nicht korrekt aufgestellt wurde.
Ronald untersucht den Pinocchio-Vorwurf
„Pinocchio“ ist natürlich politisch ein fantastischer Zwischenruf.
Denn er besitzt ein eingebautes Messinstrument.
Man müsste künftig bei Wahlkampfveranstaltungen lediglich die Nasenlänge aller Politiker vor und nach einer Rede dokumentieren.
Versprechen vor der Wahl:
Nase 5,8 Zentimeter.
Nach der Wahl:
48 Zentimeter.
Statistisches Bundesamt:
„Die politische Nasenlänge ist saisonbereinigt um 17,4 Prozent gestiegen.“
Endlich hätten wir eine objektive Kennzahl!
Bürgerdialog – jetzt in der Expressversion
Merz spricht kurz über ein Absperrgitter hinweg mit Bürgern.
Das ist der moderne politische Bürgerdialog:
Bürger:
„Herr Bundeskanzler, ich habe eine Frage zur Zukunft unserer Region—“
Merz:
„Sehr wichtig.“
„Die Situation ist nämlich—“
„Absolut.“
„Und insbesondere—“
„ICH MUSS NACH QUIDLINBURG.“
Bürger:
„Aber—“
Autotür:
KLACK.
Politik hautnah!
Ronald nennt dieses Verfahren:
BÜRGERDIALOG TO GO™
Jetzt auch ohne lästiges Ende des Gesprächs.
Das Pressestatement wird geopfert
Eigentlich sollte es anschließend noch ein Pressestatement geben.
Aber Merz muss weiter nach Sachsen-Anhalt.
Dort wird am Sonntag gewählt, und die politische Lage verlangt offenbar maximale Kanzlergeschwindigkeit.
Also fällt das Statement aus.
Das ist konsequent.
Politiker werden normalerweise dafür kritisiert, zu viel zu reden.
Merz revolutioniert das System:
Er lässt die Rede einfach weg.
Journalisten:
„Herr Bundeskanzler, noch eine Frage!“
Merz:
WROOOOM!
Statement beendet.
Ich prognostiziere bereits die nächste Stufe moderner Regierungskommunikation:
Pressekonferenz um 14 Uhr.
14:00 Uhr: Podium leer.
14:01 Uhr: Regierungssprecher erscheint.
„Der Bundeskanzler hat heute bewusst auf Aussagen verzichtet.“
14:02 Uhr:
Ende.
Keine missverständlichen Zitate.
Keine Nachfragen.
Keine Schlagzeilen.
100 PROZENT KOMMUNIKATIONSSICHER!
Sachsen-Anhalt wartet
Denn nun wartet Quedlinburg.
Dort soll Merz Ministerpräsident Sven Schulze unterstützen, während die AfD laut der geschilderten Ausgangslage deutlich vorne liegt.
Und plötzlich bekommt der Ostsee-Besuch einen ganz anderen Charakter.
Kühlungsborn war kein Wahlkampfauftritt.
Es war ein politischer Boxenstopp.
Reinfahren.
Matjes tanken.
Bürgerkontakt prüfen.
Regenschutz wechseln.
Keine Presse.
Und weiter.
Mechaniker:
„Herr Bundeskanzler, die Umfragewerte verlieren hinten links Druck!“
Merz:
„Keine Zeit! Sachsen-Anhalt!“
WROOOOM!
Ronalds Fazit: Der perfekte Deutschland-Wahlkampf
Was bleibt von Kühlungsborn?
Regen.
Donner.
Ein verspäteter Kanzler.
Ein ausgezeichnetes Matjesbrötchen.
Besorgte Fischer.
Hungrige Kegelrobben.
Zwischenrufe.
Gegenrufe.
Regenschutztüten.
Ein Absperrgitter.
Und ein gestrichenes Pressestatement.
Meine Damen und Herren:
MEHR DEUTSCHEN WAHLKAMPF KANN MAN NICHT IN EIN FISCHBRÖTCHEN PACKEN.
Ich empfehle deshalb für zukünftige Kanzlerreisen ein neues Standardprogramm:
Ankunft.
Regionale Spezialität essen.
„Exzellent gut“ sagen.
Ein lokales Problem erfahren, das seit 17 Jahren ungelöst ist.
Drei Bürgern zuhören.
Von fünf anderen beschimpft werden.
Wetter ignorieren.
Presse absagen.
Weiterfahren.
Und am Ende meldet die Parteizentrale:
„Sehr erfolgreicher Termin. Große Bürgernähe.“
HUGE SUCCESS!
Nur der Matjes bleibt zurück.
Und denkt vermutlich:
„Zum Glück bin ich bereits eingelegt.“

