Während Amerikas Nationalparks mit maroden Straßen, kaputten Brücken und Milliardenrückständen kämpfen, fließen Millionen nach Washington. Ronald Tramp untersucht, wie ein Springbrunnen plötzlich wichtiger wurde als der Grand Canyon.
Von Ronald Tramp, dem wahrscheinlich schönsten Reporter der westlichen Hemisphäre
Freunde, ich habe wieder eine Geschichte entdeckt. Eine unglaubliche Geschichte. Eine riesige Geschichte. Manche sagen sogar, die größte Geschichte seit der Erfindung des Springbrunnens. Und wie immer frage ich: Wer denkt sich so etwas aus?
Die Vereinigten Staaten feiern bald ihren 250. Geburtstag. Ein großes Jubiläum. Ein monumentales Ereignis. Ein Geburtstag, bei dem andere Länder normalerweise einen Kuchen backen, ein paar Fähnchen aufstellen und vielleicht den Bürgermeister eine Rede halten lassen.
Aber Amerika wäre nicht Amerika, wenn man stattdessen nicht beschließen würde, für Millionen Dollar Wasser in neue Richtungen spritzen zu lassen.
Denn während Nationalparks im ganzen Land langsam auseinanderfallen wie ein Gartenstuhl vom Discounter nach drei Regentagen, hat man in Washington eine bahnbrechende Idee entwickelt: Warum das Geld in Yellowstone, Yosemite oder die Everglades stecken, wenn man damit auch den Spiegelteich vor dem Lincoln Memorial auf Hochglanz polieren kann?
Genial.
Wie aus Berichten hervorgeht, sollen rund 90 Millionen Dollar aus Eintrittsgeldern der Nationalparks nach Washington umgeleitet werden. Geld, das ursprünglich für die Pflege und Reparatur von Nationalparks gedacht war.
Doch offenbar hat irgendjemand in einem Büro beschlossen:
„Moment mal. Was bringt uns ein funktionierender Wanderweg in Montana, wenn Touristen in Washington einen Springbrunnen sehen könnten, der besonders majestätisch gluckert?“
Eine Frage, die Amerika bewegt.
Besonders bemerkenswert ist die Summe von 76 Millionen Dollar für die Reparatur und Verschönerung von Brunnenanlagen.
76 Millionen Dollar!
Für Wasser.
Nicht einmal neues Wasser.
Das gleiche Wasser.
Es wird nur schöner aussehen.
Vermutlich bekommt jedes Molekül einen persönlichen Stylisten.
Insider berichten bereits von ambitionierten Plänen.
Der berühmte Reflecting Pool soll künftig so glänzen, dass Satelliten ihn als zweiten Mond registrieren.
Touristen sollen Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 500 benötigen, um überhaupt in seine Richtung schauen zu können.
Und das ist erst der Anfang.
Die Verantwortlichen planen angeblich, dass Enten künftig nur noch nach vorheriger Terminvereinbarung landen dürfen, um die optische Qualität der Wasseroberfläche nicht zu beeinträchtigen.
Eine revolutionäre Idee.
Währenddessen kämpfen Nationalparks im ganzen Land mit maroden Straßen, kaputten Besucherzentren, einsturzgefährdeten Brücken und einer Reparaturlücke von rund 24 Milliarden Dollar.
24 Milliarden!
Doch offenbar hat man eine neue Prioritätenliste entwickelt.
Punkt 1:
Springbrunnen.
Punkt 2:
Noch mehr Springbrunnen.
Punkt 3:
Feuerwerk.
Punkt 4:
Vielleicht irgendwann die Nationalparks.
Allein für das Feuerwerk zum Unabhängigkeitstag sollen rund 1,6 Millionen Dollar ausgegeben werden.
Ein Feuerwerk, das vermutlich aus der Internationalen Raumstation sichtbar sein wird.
Vielleicht sogar von Mars-Sonden.
Experten rechnen damit, dass einzelne Raketen groß genug sein könnten, um eigene Postleitzahlen zu erhalten.
Die Show soll angeblich folgende Botschaft vermitteln:
„Amerika ist großartig.“
Was natürlich deutlich überzeugender wirkt, wenn gleichzeitig irgendwo im Yellowstone ein Besucherzentrum mit Klebeband zusammengehalten wird.
Man stelle sich die Situation vor.
Ein Tourist fährt durch einen Nationalpark.
Die Straße besteht aus Schlaglöchern, die inzwischen als eigene Seen kartiert werden.
Die Toilettenanlage stammt noch aus einer Zeit, als Mammuts als Verkehrshindernis galten.
Die Brücke zum Aussichtspunkt wird von zwei optimistischen Schrauben und einem Gebet gehalten.
Doch dann schaltet jemand den Fernseher ein.
Dort sieht man Washington.
Springbrunnen.
Frische Farbe.
Perfekt polierte Statuen.
Ein Wasserbecken, das aussieht wie eine Luxusversion von Wasser.
Und plötzlich versteht der Tourist die Prioritäten der Nation.
Es geht nicht darum, dass alles funktioniert.
Es geht darum, dass es auf den Fotos funktioniert.
Und Fotos werden schließlich nicht auf Wanderwegen gemacht.
Sie werden vor Denkmälern gemacht.
Das ist modernes Management.
Einige Kritiker äußerten bereits vorsichtig Bedenken.
Sie meinten, die Eintrittsgelder der Nationalparks seien eigentlich genau für diese Parks vorgesehen gewesen.
Eine gewagte Theorie.
Fast schon radikal.
Wenn das Schule macht, könnten demnächst Autobahngebühren für Goldlack auf Regierungsgebäuden verwendet werden.
Oder Angelkarten zur Finanzierung nationaler Frisurenprogramme.
Wo endet das?
Doch die Vision scheint klar.
Washington soll zum glänzendsten Schaufenster der Nation werden.
Eine Art Disneyland für Politiker.
Eine Hauptstadt, die so perfekt aussieht, dass Besucher vergessen, nach dem Zustand des restlichen Landes zu fragen.
Vielleicht ist das sogar die Zukunft.
Statt Nationalparks gibt es künftig nur noch große Werbefotos der Nationalparks.
Warum Brücken reparieren, wenn man ein Poster der Brücke aufhängen kann?
Warum Wanderwege instand setzen, wenn man einen QR-Code druckt?
Warum Bäume schützen, wenn man künstliche Bäume aus Goldfolie aufstellt?
Die Möglichkeiten sind grenzenlos.
Am Ende bleibt die Erkenntnis:
Amerika besitzt einige der schönsten Nationalparks der Welt.
Aber nichts scheint mächtiger zu sein als die Vorstellung, dass ein besonders glänzender Springbrunnen die Lösung aller Probleme sein könnte.
Und wenn irgendwann der letzte Wanderweg im Grand Canyon gesperrt wird, weil die Treppenstufen inzwischen von Archäologen untersucht werden müssen, kann man immerhin sagen:
Der Teich in Washington sah fantastisch aus.
Und darauf kommt es schließlich an.
Zumindest solange man weit genug weg steht.

