Ausländische Geheimdienste greifen immer häufiger deutsche Unternehmen an. Ronald Tramp untersucht Cyber-Spione, KI-Betrüger und Deutschlands gefährlichste Waffe: die Fehlkonfiguration.
Von Ronald Tramp, investigativer Sonderkorrespondent für Spione, Passwörter und verdächtig höfliche E-Mails
Meine lieben Unternehmer, Administratoren und Menschen, deren Passwort noch immer Sommer2026! lautet!
Ich habe schlechte Nachrichten.
Deutschland wird angegriffen.
Nicht ein bisschen. Nicht gelegentlich. Nein: 96 Prozent der Unternehmen sind von Datendiebstahl, Industriespionage oder Sabotage betroffen oder vermuten es. Und 37 Prozent der betroffenen Unternehmen konnten mindestens einen Angriff einem ausländischen Nachrichtendienst zuordnen. 2023 waren es gerade einmal sieben Prozent.
Das ist unglaubliches Wachstum!
Andere Branchen wären begeistert.
Der Geheimdienstvertrieb vermutlich auch.
„Wir konnten unseren Marktanteil innerhalb von drei Jahren verfünffachen!“
Champagner im Spionagehauptquartier!
Früher kam der Spion mit Hut
Ich, Ronald Tramp, erinnere mich an bessere Zeiten.
Damals sah man einen Spion sofort.
Trenchcoat. Dunkle Brille. Zeitung mit zwei Löchern. Saß seit sechs Stunden gegenüber der Firmenzentrale und tat so, als würde er auf einen Bus warten.
Heute?
Heute heißt er möglicherweise support@micros0ft-security.ru und schreibt:
„Sehr geehrte Geschäftsführung, aufgrund dringender Sicherheitsüberprüfung bitte Passwort hier eingeben.“
Und Klaus aus der Buchhaltung denkt:
„Das klingt seriös.“
Klick.
Herzlichen Glückwunsch!
Sie haben gerade die russische Außenstelle eröffnet.
Besonders beeindruckend: Mehr als die Hälfte der sicher betroffenen Unternehmen konnte mindestens einen Angriff nach China zurückverfolgen, 49 Prozent nach Russland. Aber auch die USA erreichen 27 Prozent. Der Iran kommt inzwischen auf neun Prozent.
Das ist keine Cyberbedrohung mehr.
Das ist Eurovision für Geheimdienste.
„Germany, twelve points!“
211 Milliarden Euro – mindestens!
Datendiebstahl, Industriespionage und Sabotage verursachten laut Bitkom einen hochgerechneten Schaden zwischen 211 und 270,8 Milliarden Euro.
Milliarden!
Bei 211 Milliarden beginnt in Deutschland normalerweise sofort ein Sondervermögen.
Diesmal könnte man es nennen:
Sondervermögen Passwortänderung.
Doch drei Viertel der Gesamtschäden entfallen inzwischen auf Cyberattacken. Der Cyber-Schaden allein liegt laut Studie zwischen 160,4 und 205,8 Milliarden Euro.
Und jetzt kommt KI.
Natürlich!
Denn offenbar haben selbst Cyberkriminelle festgestellt, dass man heutzutage ohne KI nicht mehr wettbewerbsfähig ist.
Schäden durch automatisierte Robo-Calls stiegen laut Studie von drei auf 14 Prozent, Deepfakes von vier auf acht Prozent. 82 Prozent der Unternehmen gehen davon aus, dass Angreifer verstärkt KI einsetzen.
Früher rief der Betrüger an:
„Hallo, ich Chef. Bitte 80.000 Euro überweisen.“
Heute klingt er tatsächlich wie der Chef.
Vielleicht sogar kompetenter als der Chef.
Das wird schwierig.
Der größte Feind heißt Fehlkonfiguration
Doch nun kommt mein Lieblingsdetail.
Was ermöglicht erfolgreiche Angriffe?
Supergeheime Quantencomputer?
Russische Cyber-U-Boote?
Ein chinesischer James Bond mit Laseruhr?
Nein!
59 Prozent der geschädigten Unternehmen nennen unzureichende Angriffserkennung, 57 Prozent Fehlkonfigurationen und 55 Prozent mangelhaftes Identitäts- und Zugriffsmanagement als Ursachen.
Fantastisch.
Der internationale Geheimdienst kommt mit Milliardenbudget, Satelliten und KI.
Und Deutschland antwortet:
„Moment, unsere Firewall steht noch auf Werkseinstellung.“
Meine Damen und Herren, das ist deutsche Gastfreundschaft 4.0.
Der Angreifer braucht keine Hintertür.
Die Vordertür steht offen, daneben hängt ein Schild: WLAN-Passwort beim Empfang.
Ronald Tramp empfiehlt deshalb die revolutionärste Cybersicherheitsstrategie aller Zeiten:
Updates installieren.
Zugänge absichern.
Logs auswerten.
Und wenn eine E-Mail mit „DRINGEND!!!“ beginnt und der Geschäftsführer plötzlich 750.000 Euro auf ein Konto in Übersee überweisen möchte:
Vielleicht kurz anrufen.
Das ist nicht sexy.
Das ist nicht James Bond.
Aber möglicherweise billiger als 211 Milliarden Euro.
Believe me.

